Die einsamen Toten – mehr Gemeinschaft wagen

Wir haben die Bergspitze der Rationalität und Aufklärung endlich erklommen; wenn wir herunterblicken, sehen wir beschämende Traditionen, veraltete Gemeinschaftsstrukturen voller Fesseln und: einen richtenden Gott, der geduldig Wache für uns steht, falls wir fallen sollten. An der Spitze ist es ungemein einsam. Und nur Gott weiß, dass wir fallen werden. 

Wenn wir als aufgeklärt-postmoderne Menschen an Verbindlichkeit und familiäre Verantwortung denken, werden wir nervös. Die allseits postulierte Flexibilität als Form von menschlicher Freiheit gerät ins Schwanken, denn Verbindlichkeiten sind mit Anstrengung und Verantwortung verbunden, die uns in unserer individuellen Selbstentfaltung behindern. Maximale Selbstentfaltung ist nämlich die Parole unseres individualistischen Zeitalters. Nicht mehr entscheidet mein Familienstammbaum bereits vor meiner Geburt, welchem Beruf ich irgendwann nachgehen werde, sondern mein eigener Wille. Um diesen eigenen Willen dreht sich die ganze Welt. Das humanistische Ideal hat Gott entmachtet und den Homo Sapiens verherrlicht. Wir haben uns zur Krone der Natur deklariert und meinen, alles besitzen (und damit verwüsten) zu dürfen. Unser Leben ist so kostbar, dass wir alles darauf richten, einen perfekten Lebenslauf (am besten mit diversen Auslandsaufenthalten und Praktika) zu erhaschen. Schließlich lebst du nur einmal, you only live once. In unser einziges Kind projizieren wir alle unsere Ziele, Wünsche und Träume, die wir nicht erreichen konnten, aber im Nachwuchs zu realisieren erhoffen; wir möchten also bessere Kopien von uns selbst erschaffen. Wie viele Errungenschaften mit dem humanistischen Postulat einhergegangen sein mögen, wir bezahlten sie mit einem Preis der abartigen Arroganz, die unsere Herzen verhärtet; einem Lebensentwurf,  der uns überfordert und von Gott und Mensch entfremdet, um uns schließlich einsam sterben zu lassen.

Als in Deutschland sozialisiertes Großstadtkind mit Eltern, die in einem (türkischen) Bergdorf in traditionellen Gemeinschaftsstrukturen aufgewachsen sind, war die individuelle Selbstentfaltung mein höchstes persönliches Ziel. Ich wollte so viele Länder wie möglich bereisen, verschiedene Sprachen sprechen, mir diverse Hobbies aneignen; um es in den Worten des Soziologen Bourdieu zusammenzufassen: ein hohes Maß an sozialem und kulturellem Kapital erwerben. Schon früh bekam ich zu hören, wie gut ich es hatte: „Als ich in deinem Alter war, musste ich mir ein Zimmer mit meinen Großeltern teilen.“ Vier Generationen hätten in einem Haus damals gelebt; überall waren wohl Kinderschreie zu hören, während die Großeltern die Geschichten vom gestrigen Abendessen wiederholten. Auch wenn ich mich als Einzelkind immer nach Geschwistern sehnte, so erschien mir diese Vorstellung von einer großen Familie in einem Haus ohne wirkliche Privatsphäre stets sehr einengend und befremdlich. Andererseits habe ich jedes Jahr erwartungsvoll auf die sechswöchigen Ferienaufenthalte in jenem Dorf geblickt: Ich verbrachte sie immer in einem großen Haus mit fünf Zimmern und Garten, wobei in jedem einzelnen Raum andere Familienmitglieder vom Onkel bis zur Großcousine vierten Grades wohnten und die Nachbarschaft wiederum aus anderen „Verwandten“ bestand. Es waren unbeschwerte Aufenthalte. Lange war ich davon überzeugt, dass meine Sehnsucht nach diesem Ort nur am ermüdenden Berliner Alltag lag. Heute denke ich, dass es vor allem an der Abwesenheit von Gemeinschaftsstrukturen in unserer modernen Welt liegt. Und ich weiß, dass ich mit meinen Ausführungen selbst lediglich ein Kind dieser Moderne bin.

Das Konzept der modernen Gesellschaft hat die traditionellen Gemeinschaften, die ursprünglichste Form menschlichen Zusammenlebens, hinter sich gelassen und nicht wenige würden sagen: überwunden. Die Vorzüge einer anonymen Stadt sind nämlich kaum von der Hand zu weisen: Der Freundeskreis wird selbst gewählt, der eigene Lifestyle kann ohne Einschränkungen (öffentlich) zelebriert werden, die Institution Ehe kann, aber muss nicht eingegangen werden. Als Homosexuelle/r beispielsweise ist die Stadt der Ort maximaler Freiheit, da mit keinen gesellschaftlichen Sanktionen (zumindest in liberalen Gesellschaften) zu rechnen ist. Als sichtbar muslimische Frau brauche auch ich in der Stadt weniger Angst vor Rassismus zu haben als in kleinen Ortschaften, in denen die meisten den Islam ausschließlich aus den Medien kennen. Das alles sind die Vorzüge großstädtischen, anonymen Lebens. Macht dieser Lebensentwurf glücklich? Kann uns die Gesellschaft Alternativen zum (traditionellen) Gemeinschaftsleben bieten? Daran hege ich in letzter Zeit vermehrt Zweifel. 

Als soziale Tiere haben wir das Verlangen danach, Teil eines Kollektivs zu sein, das ähnliche Interessen verfolgt oder auf irgendeine Weise Mitglieder miteinander verbindet. Wir möchten uns aufgehoben und verstanden fühlen. In existentiellen Krisen hoffen wir auf Unterstützung und Solidarität von Menschen, mit denen wir verbunden sind. Gemeinschaften können also als Rückgrat für jeden Einzelnen fungieren und eine Art soziale „Absicherung“ sein. Der Soziologe Ferdinand Tönnies (1855-1936) unterscheidet dabei drei Arten von Gemeinschaften: die des Blutes (z.B. Familie) die des Geistes (z.B. Freundschaft) und die des Ortes (z.B. Nachbarschaft). Der Nationalismus ist beispielsweise ein Produkt moderner Gesellschaften, das eine Gemeinschaft auf Grundlage einer gemeinsamen Sprache, Religion und/oder vermeintlichen Ethnie ersetzen soll.

Die Institution Familie erscheint heutzutage vermehrt in der Form einer bürgerlichen Kleinfamilie (Eltern-Kinder), die eine traditionelle Gemeinschaft kaum zu ersetzen vermag, da die Kinder mit achtzehn wegziehen, um sich schließlich einmal im Jahr an Weihnachten blicken zu lassen. Selbst die Institution Kleinfamilie ist seltener geworden: In den urbanen Ballungsräumen ist man meist vereinzelt. So lebt in Deutschland fast jeder zweite in einem Singlehaushalt, wobei nicht wenige sich für die Einsamkeit bzw. das Alleinsein bewusst entscheiden. Und dennoch überkommt einen manchmal die Angst, alleine zu sterben. Die Flexibilität, die als junge Erwachsene befreiend zu sein scheint, kann mit der Zeit umschlagen in Angst. Die Partnerschaft, der Freundeskreis, die Familie, auf die man sich mit den ganzen Sinnen verlässt und von denen man sich emotional abhängig macht, kann zu Angststörungen führen; Angst vor dem Verlust, Angst vor der Leere, die man krampfhaft versucht, mit dem Studium esoterisch-spiritueller Lebensratgeber von den Bestsellerlisten zu verdrängen. Die entzauberte Welt kann hier nämlich keine Heilung (mehr) bringen. Der Religionsphilosoph Paul Tillich (1886-1965) beschreibt drei ursprüngliche Formen von menschlicher Angst, die aus der Erkenntnis resultieren, dass der Mensch endlich ist: Die Angst vor Schicksal und Tod, die Angst vor Schuld und Verdammung sowie die Angst vor der Leere und Sinnlosigkeit. Letztere sieht er in der entzauberten Neuzeit verkörpert.

Die Einsamkeit ist allgegenwärtig. Sie ist nicht mehr nur das schöpferische Phänomen, das die Philosophen seit der Antike beschäftigte, und das zum poetischen Nachsinnen ermuntert, sondern ein Massenphänomen, das krankmacht und das bereits eigene Ministerien bekleidet: So wurde 2018 Tracey Crouch zur Einsamkeitsministerin von England ernannt. In Japan übernehmen Roboter die Pflege von älteren Menschen, die Suizidrate steigt stetig. In Südkorea kennt man zehn verschiedene Begriffe für Einsamkeit und spricht von den einsamen Toten, deren Beerdigungen von mobilen Bestattungsteams einer Organisation namens „Good Sharing“ übernommen werden, da sich nach monatelanger Suche keine Angehörige finden lassen. Wahrscheinlich waren auch sie zu sehr damit beschäftigt, ihren Lifestyle zu optimieren. Mit verschiedenen Initiativen auf gesellschafts- und sozialpolitischer Ebene versuchen die Gesellschaften, das Gefühl der Einsamkeit einzudämmen: lediglich Symptombekämpfungen. 

In der Moderne haben wir vieles gewonnen: Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit und Flexibilität. Aber: Wir blicken grundsätzlich skeptischer in die Welt, in die eigene Nachbarschaft. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass es eine positive Korrelation zwischen dem Gefühl sozialer Isolation und dem Misstrauen gegenüber Fremden gibt: Je einsamer man also ist, umso suspekter erscheinen uns unsere Mitmenschen. Hier beginnt ein negativer Kreislauf, der schwer aufzuhalten ist und uns langsam innerlich zerfleischt.

Sind wir nun glücklicher? Ich wage es zu bezweifeln. Können oder möchten wir „zurück“? Auch das erscheint mir nicht sinnvoll. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau stellte sich im 18. Jahrhundert eine ähnliche Frage, als er meinte festgestellt zu haben, dass der Mensch von Natur aus gut sei und die Zivilisation den Menschen verderbe. Auch er sah keine Alternative mehr zur modernen Gesellschaft; kein Zurück-Gehen schien mehr möglich. Seine Lösung war der Gesellschaftsvertrag, der ausschließlich auf den Willen des Volkes gerichtet sein sollte, ein Versuch, die gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen zu formen. Auch wir müssen einen Umgang mit dem Zeitgeist finden; nicht allerdings in Form von Pseudo-Gemeinschaften, deren Zusammenhalt auf interner Unterdrückung und Hassgefühlen gegenüber vermeintlich „Anderen“ beruht. Wir müssen versuchen, unsere Situation positiv zu transformieren; mehr Gemeinschaft zu wagen, mehr Bindungen und Verpflichtungen einzugehen, mehr Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen. Vielleicht eine eigene kleine Gemeinschaft formen, die aus positiven Werten und Gefühlen schöpft und sich nicht krampfhaft abzugrenzen versucht. Wir verlieren dadurch nicht unsere Freiheit, sondern gehen erst in ihr auf.