Auf verlorenem Posten

von Leonard Sezgin-Just

Ein fiktives Gespräch in den Fachschaftsräumen eines geisteswissenschaftlichen Universitätsinstituts

Du bist also religiös? 

– Ja, kann man so sagen. Mir ist der Bezug zu dem Größeren, das mich umfasst, wichtig. Ohne könnte ich nicht leben. 

Aber wie kommt es dazu? Deine Eltern sind wahrscheinlich gläubig, und du möchtest diese Tradition fortführen. Das kann ich verstehen, schließlich möchte man wissen, wo man herkommt. 

– Nein, nichts dergleichen. Mein Glaube ist komplett eigenständig gewählt, manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich dabei eher mit meiner familiären Tradition breche.

Okay, krass. Naja, manche Menschen sind halt religiös musikalisch gestimmt. Ist ja auch okay, wir haben ja alle unsere speziellen Bedürfnisse. Ich kann mir mein Leben auch nicht ohne Musik vorstellen. Wenn ich im Club bin, kann das manchmal schon ziemlich übernatürlich werden. Irgendwie ist das ja auch quasi ein religiöses Bedürfnis (lacht…). 

– Siehst du, wir haben dieses Bedürfnis, über uns selbst hinaus zu gehen. Ich glaube, dass jeder Mensch diese religiöse Musikalität in sich trägt… Aber natürlich muss jeder selbst wissen, was er will. Ich bin nur überzeugt, dass die Religion große Wahrheiten birgt und jedem Menschen etwas zu sagen hat.

Aber die traditionellen Religionen… Da kann ich echt nichts mit anfangen, das sind doch alles irgendwelche ideologischen Systeme, die sich Menschen vor Jahrhunderten ausgedacht haben, um sich ein Reim auf ihr Leben zu machen. Ich meine, klar, auch das ist irgendwie legitim. Aber in der Zwischenzeit sind wir doch weitergekommen als Menschheit, mittlerweile sollte man doch alles selbst hinterfragen können und nicht einfach vorgefertigte Sachen übernehmen. 

– Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Religion von Menschen erfunden wurde. 

Hat Gott etwa höchstpersönlich die Heiligen Schriften vorbeigebracht, und hat sich dann wieder aus dem Staub gemacht? (lacht…) 

– Also… Ich persönlich glaube, dass Gott sich bestimmten Menschen über so eine Art, naja, Inspiration mitteilt. Um uns zu sich zu rufen, um uns einen Weg zu ihm zu weisen. 

Ich weiß nicht. Wenn ich gutes Zeug rauche, krieg ich auch manchmal Inspirationen von oben… (lacht…) Aber sei’s drum. Ich finde es nur schwierig, wenn man mit seinen Offenbarungsschriften politische Unterdrückung und Gewalt rechtfertigt, weißt du? Die Religionen haben einfach in der Geschichte so viel Übel angerichtet.

– Aber wurden nicht gerade im letzten Jahrhundert die größten Menschheitsverbrechen von denjenigen Bewegungen begangen, die der Religion gänzlich abgeschworen hatten? Ich denke, man macht es sich zu einfach, wenn man alle Schuld nur auf die Religionen abwälzt. Die Menschen haben immer auch die Religion missbraucht für ihre eigenen Machtinteressen, aber das war dann eher der Mantel, in den sie ihre eigenen niederen Motive geschlagen haben. Man darf die Religion selbst nicht für ihre Instrumentalisierung verantwortlich machen! 

Gut, kann man so sagen. Ich persönlich bin ja gegen Form von Ideologie, dann haben wir auch nicht das Problem, dass Menschen sie missbrauchen können. Einfach frei denken, den anderen respektieren, keine Vorurteile haben. Wir müssen in der heutigen Zeit echt schauen, dass wir was gegen Schubladendenken und vorgefertigte Meinungen tun. Das ist doch die Wurzel allen Übels. Ich kann es gar nicht ab, wenn mir jemand mit Sexismus oder Homophobie oder Rassismus oder sonst irgendwelchen autoritären Vorstellungen von vorgestern kommt. Boah, da krieg ich echt das Kotzen. 

– Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen und ethnischen Minderheiten ist wirklich ein Problem, das sehe ich auch so. Da müssen wir was tun. Ich glaube, dass die Religion da durchaus ein emanzipatives Potential hat, die Menschen aufzuwecken und zu mehr Gerechtigkeit zu ermahnen. 

Denkst du wirklich? Ich sehe da nicht so viele Beispiele. 

– Doch, wirklich. Religion ermöglicht Solidarität, echte Solidarität. Weil die Bindung an eine höhere Macht einen aus seiner Selbstbezogenheit befreit, in der wir heute alle stecken. Heutzutage lebt jeder verschanzt in seinen Scheuklappen, arbeitet, um zu konsumieren und konsumiert, um zu arbeiten. Dabei schauen wir mit Argwohn auf unseren Nächsten, der entweder mehr hat als wir, dann beneiden wir ihn und wünschen uns, irgendwann auch so zu werden; oder wir sehen den, der weniger hat, dann sind wir heilfroh, nicht in seiner Haut zu stecken, und meiden jeden weiteren Kontakt. Ich sag dir ganz ehrlich, das ist die Wurzel von ganz vielen Übeln in der modernen Welt. Die Menschen sind in ihrem eigenen Herzen Gefangene. Nehmen wir zum Beispiel Rassismus, da steckt so viel Hochmut und Niedertracht und Kleingeistigkeit dahinter, kurz: Seelenkrankheit. Wenn die Menschen religiöser würden und dann die Ideale der Religion auch wirklich ernst nähmen, könnten sie so nicht weitermachen. Die Leute denken immer, die Religionslosigkeit, die Säkularität wäre neutral und hätte irgendwie eine weiße Weste. Das ist halt echt ein Irrtum. Säkularismus oder Laizismus, oder wie man es nennen mag, ist ebenso eine Ideologie wie alles andere, nur, dass in diesem Fall der Mensch nicht zum Guten getrieben wird, sondern zum Niederen, zur Selbstbezogenheit, Engherzigkeit und Gier. Vor allem zur Gier: Den Kult des Materialismus konnte der Kapitalismus in die Herzen der Menschen nur einpflanzen, weil sich zuvor die Religionen aus diesen zurückgezogen hatte… 

Das klingt ja alles wirklich spannend, ich bin da voll auf deiner Seite, wenn es um die Kritik am Materialismus und Egoismus geht. Wir Menschen in der heutigen Welt werden von dem System um uns herum abgerichtet, wir können uns daneben fast gar nichts mehr vorstellen. Hab da letztens bei Foucault spannende Sachen drüber gelesen, der analysiert das echt gut. Aber was willst du sonst machen, willst du etwa den Säkularismus abschaffen? Das hat sich gerade fast so angehört, ziemlich radikal, Mann. Am Ende landen wir bei Verhältnissen wie im Iran oder in Saudi-Arabien oder wie im Mittelalter. Da habe ich nun wirklich auch keine Lust drauf, dafür ist mir meine Freiheit, die ich hier genieße, zu viel wert. 

– Davon habe ich nie gesprochen. 

Naja, belassen wir’s dabei. Ich kann dich mit deinem Religionszeug zwar nicht verstehen, aber zumindest bist du nicht so wie diese frommen Vollidioten, die anderen ihren Glauben aufzwingen wollen. Dann ist es ja auch voll okay religiös zu sein, kann ja jeder selbst entscheiden. 

– ... 

Nachwort aus der Regie:

Wir, die religiös Bekennenden, stehen im universitären Kontext, vor allem in den Fächern der Humanities, auf verlorenem Posten. Man versucht seine Religiosität nach Möglichkeit zu verbergen, und da, wo es nicht mehr möglich ist, gerät man schnell in einen Rechtfertigungszwang, eine apologetische Mentalität, die sich über die Zeit auch im eigenen Kopf einnistet. In die argumentative Rolle des Glaubensmenschen verwiesen tanzt man als verfemter Teufel der säkularen Wissensordnung auf den glühenden Kohlen der spöttelnden Religionskritik einen Eiertanz um die eigene Achse. Wenn uns dabei irgendwann schwindelig werden sollte, müssten wir überlegen, ob es nicht ratsam wäre, im Tanze kurz innezuhalten und uns zu fragen, vor welchem Publikum eigentlich wir dieses Kunststück aufführen.