Hugo Hamid Marcus – ein vergessener Philosoph auf der Suche nach Gott

Von Hilal Sezgin-Just

Als „großes Jahrzehnt der Philosophie“ bezeichnet der Philosoph Wolfram Eilenberger die zwanziger Jahre und die Weimarer Zeit. Dabei stehen vor allem Philosophen wie Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger im Fokus, die die intellektuelle Zeit zwischen Erstem Weltkrieg und Nationalsozialismus prägten und die deutsche Geistesgeschichte maßgeblich beeinflussten. Durchaus können die Zwanzigerjahre als eine Blütezeit des Denkens (vor dem Zusammenbruch) bezeichnet werden; eine Zeit, die sich – vom Ersten Weltkrieg verwundet – die großen Fragen um Sinn, Existenz und das Menschliche stellt.

Eine überaus wichtige intellektuelle Szene, die die Zwanzigerjahre geistig mitformte, wird dabei meist außer Acht gelassen: Die kleine muslimische Gemeinschaft in Berlin, die eine Art „muslimischer Bürgerlichkeit“ formte, bestehend aus Studenten, Journalisten, Ärzten und Diplomaten. Sie veränderten die bereits bestehende muslimische Präsenz von Bosniern und Tataren sowie osmanischen Diplomaten, Soldaten und Studenten. Dieses neue muslimisch-bürgerliche Gemeinschaftsleben zentrierte sich um die Wilmersdorfer Moschee in Berlin. Zu dieser Gemeinschaft gehörte ein Philosoph, ein Denker, der aufgrund seiner Entwurzelung im Ersten Weltkrieg auf der Suche nach Gott, dem Geist, dem Sinn, – vielleicht nach einer Utopie – war und sich die großen Fragen stellte, die das Existenzielle betreffen; er trat 1921 zum Islam über und wurde Mitglied der Berliner Gemeinde. Er entwickelte sich rapide zu einer Schlüsselfigur der kleinen Gemeinschaft und widmete sich den philosophischen Fragen dieser intellektuellen Blütezeit aus einer spezifisch muslimisch-deutschen Perspektive: Hugo Hamid Marcus.

Hugo Marcus’ außergewöhnliche Biographie ist durch die lange Suche nach einer Gemeinschaft, einem Sinn gekennzeichnet. 1880 als Sohn jüdischer Eltern geboren, kommt er mit 23 Jahren nach Berlin, um Philosophie zu studieren. Er wird Teil der homosexuellen Bewegung, die von seinem Freund Magnus Hirschfeld gegründet wurde, durchlebt eine aktivistische Phase, während des Krieges engagiert er sich in einer pazifistischen Organisation, dem „Aktivistenbund“, und publiziert in Zeitschriften zu pazifistischen Themen. Aufgehoben fühlt er sich eine Zeit lang im elitären George-Kreis, einem (männlichen) Anhängerkreis um Stefan George, der sich der Poesie, Literatur und dem Geistigen widmet. Als Mitglied des George-Kreises veröffentlicht er erste philosophisch-spirituelle Bücher und verzeichnet große Erfolge. Als eine Art „brüderliche Gemeinschaft“ kann man diesen Kreis bezeichnen; hier beginnt womöglich Marcus’ Suche nach einem geistigen Zuhause. Enden tut sie in den Zwanzigerjahren im Islam, in eben jener kleinen Berliner Moschee der Ahmadiyya-Gemeinschaft (heute Wilmersdorfer Moschee). Hugo Hamid Marcus – jüdisch, homosexuell, muslimisch –, eine hybride Persönlichkeit der Weimarer Zeit, deren wertvolle Gedanken und spannende Biographie weitgehend im Verborgenen geblieben sind – bis heute.

Hugo Hamid Marcus lernt während seines Philosophiestudiums in Berlin den muslimischen Studenten Sadr-du-Din kennen und findet so zum Islam. Sadr-du-Din kam als Teil einer Ahmadi-Mission nach Deutschland, um die Muslime nach dem Ersten Weltkrieg aufzufangen und die universale Mission eines „erneuerten“ Islams gemäß der Ahmadiyya-Auslegung voranzutreiben. Dazu gehörte unter anderem die Übersetzung des Koran in die deutsche Sprache sowie die Herausgabe einer intellektuellen Zeitschrift namens „Moslemische Revue“. Hugo Marcus gewinnt relativ bald nach seiner Konversion in der Gemeinde an Bedeutung und wird zum Sprachrohr der deutsch-muslimischen (Intellektuellen-)Szene. Er übernimmt die Leitung der „Moslemischen Revue“, für die er mehrere Jahre lang schreibt, und wird 1930 Präsident der Deutschen Muslimischen Gesellschaft. Er übersetzt gemeinsam mit Sadr-du-Din den Koran in die deutsche Sprache. Gelegentlich hält er an sogenannten „Islamabenden“ in der Moschee Vorträge vor Hunderten von Interessierten – darunter auch Literaten wie Hermann Hesse und Thomas Mann. In der Moschee findet Hugo Marcus die Gemeinschaft, die er sich lange ersehnt hatte: eine geistige, tolerante, offene Gemeinschaft, die die Gleichheit aller Menschen vor Gott postuliert und praktiziert sowie völkisch-nationalistisches Gedankengut und Krieg ablehnt. Wohlgemerkt in Zeiten eines erblühenden Antisemitismus, der alle Gesellschaftsbereiche zu durchdringen scheint. Hugo Marcus bleibt der jüdischen Gemeinde noch lange nach seiner Konversion treu und kündigt seine Mitgliedschaft offiziell erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, als es um nichts Geringeres geht als um Leben und Tod – im wahrsten Sinne des Wortes. Er sieht seine jüdische Identität nicht im Widerspruch zu seinem Muslimsein, weil der Islam die jüdische Lehre seinem Verständnis nach inkorporiert. Vielleicht könnte man so weit gehen und behaupten, dass der Islam ihm in dieser Zeit dabei hilft, eine „Synthese zwischen jüdischer und deutscher Identität“ herzustellen, eine Art „Versöhnung“ zwischen zwei vermeintlich widersprüchlichen Lagern.

Was ist aber das Besondere an der Philosophie von Marcus? Was fasziniert ihn am Muslimsein? In der Moslemischen Revue verfasst er mehrere Artikel über die islamische Lehre und versucht diese mit der deutschen Geistesgeschichte zu vereinbaren: Er gibt sich regelrecht der Vision einer Deutsch-Islamischen Synthese hin. Er betrachtet den Islam als „rationalste“, „natürlichste“ und „modernste“ Religion und sieht ihn keineswegs als etwas „Fremdes“ an. Marcus entwickelt eine eurozentrische Sichtweise auf den Islam, indem er unter anderem Verbindungen zu Kant, Nietzsche und Spinoza herstellt, um die Gemeinsamkeiten zwischen der islamischen Lehre und europäischer Geistesgeschichte zu betonen. Als Gemeinsamkeit zwischen Kant und dem Islam sieht er beispielsweise die praktische Gestaltung des Lebens mittels der Vernunftideen Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Nietzsches Konzept des „Übermenschen“ betrachtet er als die höhere Stufe der Selbstvollendung im Diesseits, während im Islam die höhere Stufe im Jenseits zu erreichen sei. Von der islamischen Selbstdisziplinierung (wie z.B. dem Fasten und den rituellen Gebeten) schlägt er die Brücke zu Spinozas Konzept der „Bändigung der Affekte“ (Begierde, Lust und Unlust), wonach nur Gott allein zu reinem Handeln ohne äußeren Zwang in der Lage ist. Des Weiteren sieht er im Islam die Lehre vom Prophetentum aller geoffenbarten Religionen verkörpert, weswegen er in seiner Konversion keinen Widerspruch zu seiner jüdischen Identität erkennt.

Als die Nazis die Macht übernehmen, muss Marcus seinen öffentlichen Einsatz in der Moschee begrenzen, da diese in der nationalsozialistischen Presse als „jüdisch-bolschewistische Organisation“ diffamiert wird und zunehmend unter Druck gerät. 1938 wird Marcus aufgrund seiner jüdischen Herkunft in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Durch das Gesuch vom Sheiykh Mohammed Abdullah, zweiter Imam der Wilmersdorfer Moschee, kann er dem Konzentrationslager entkommen und muss, wie viele andere auch, dafür seine Heimat verlassen. Der Historiker Marc David Baer, der zu Hugo Marcus geforscht hat, bemerkt, dass es für viele Juden unvorstellbar gewesen sein muss, ihre deutsche Heimat zu verlassen:

„A majority of the Jews who remained in Germany at that time were over the age of fifty and – like Marcus, who was fifty-nine – could not imagine leaving their homeland, for despite everything they had experienced in the past five years, they remained German patriots and considered themselves Germans.“

In jener Zeit schreibt Hugo Marcus in Berlin an seiner Deutschen Koranauslegung, die einen Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, allerdings nicht unter seinem Namen, erscheint. Sadr-ud-Din übernimmt das Vorwort und beschreibt die Absicht hinter dieser Exegese mit folgenden Worten:

„Noch immer leben Restbestände jener Vorurteile in Europa fort, die eine Jahrhunderte alte, islamfeindliche Propaganda daselbst zurückgelassen hat. Und es ist ja zur Genüge bekannt, welche die Völker verhetzende Macht der Lüge und der Verleumdung innewohnen. Sie haben auch Moslems und Abendländer vielfach auseinandergerissen und den einen das Bild der anderen verfälscht. Nun wird die vorliegende Übersetzung vielleicht in so manchem Leser den Wunsch aufkommen lassen, sich über die Lehren hinaus auch mit jener Glaubensgemeinschaft einmal zu befassen, welche wir als das Volk der Moslems bezeichnen können […].“

Marcus Koranexegese beinhaltet den arabischen Text und die jeweilige Übersetzung in die deutsche Sprache inklusive Kommentare zu einzelnen Versen. Seine Auslegung lässt sich nicht ohne den historischen, politischen und soziologischen Kontext, in den sie eingebettet war, verstehen: Der gesamten Exegese kann man eine antirassistische und pazifistische Agenda entnehmen. Darüber hinaus wird die blinde Unterwerfung gegenüber „Führern“ verurteilt, wie dem Kommentar zum Vers 38 der Sure 7 zu entnehmen ist:

„Die Gefolgsleute sähen es gern, dass die Anführer doppelt gestraft würden wie ihre Anhänger; einmal dafür, dass sie überhaupt gesündigt haben, dann aber auch dafür, dass sie andere ins Verderben mitgerissen haben. Ihnen wird gesagt: Wenn auch die Führer euch falsch geführt haben, so seid ihr doch ebenso zu bestrafen, weil ihr ihnen blind gefolgt seid.“

Eine beachtliche Auslegung inmitten eines totalitären Systems, dem die große Mehrheit der Menschen Gehorsam geschworen hat. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass dieses Exegesewerk im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges erscheinen kann und dass sich die Berliner Moscheegemeinde hinter diese Veröffentlichung stellt – trotz der aggressiven Stimmung und der Sanktionen, die sie wegen des kritischen Inhalts zu befürchten hat. Eine Woche vor Kriegsausbruch flieht Hugo Marcus letztlich ins Schweizer Exil, wo er den Rest seines Lebens verbringt und sich mit philosophisch-ästhetischen Themen befasst. Seinem ersten im Exil veröffentlichten Buch gibt er den Namen „Metaphysik der Gerechtigkeit“.

Hugo Hamid Marcus ist nicht nur aufgrund seiner Philosophie der Deutsch-Islamischen Synthese so relevant, sondern auch wegen seiner außergewöhnlichen Biographie, die neue Perspektiven zu der Frage nach einer vermeintlichen „muslimischen Kollaboration mit den Nazis“ eröffnet. Hinsichtlich dieser Frage dominiert vor allem der islamische Geistliche Mohammed Amin al-Husseini das Bild über die Muslime im Nationalsozialismus, der für seine Zusammenarbeit mit den Nazis bekannt ist. Hugo Marcus und seine Gemeinschaft bietet eine Alternative zu dieser Erzählung des „Großmufti von Jerusalem“ und stellt das einseitige Bild einer gemeingültigen muslimischen Kollaboration mit den Nazis infrage. Darüber hinaus ist Marcus ein Exempel dafür, dass der Islam – entgegen anhaltender Debatten um die kulturelle Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland – bereits vor der Arbeitsmigration ab den 1960er Jahren Teil der deutschen Geschichte war und erstaunliche Synthesen eingehen konnte. Interessant ist auch, dass Marcus – anders als die meisten Konvertiten seiner Zeit – keine kulturelle Veränderung bzw. Assimilation durchlief: er sah sich weiterhin als Deutschen und wollte sich dieser Identität keineswegs entledigen. Während nicht wenige Juden aus Angst vor Ausgrenzung und Verfolgung zum Christentum konvertierten, entschied sich Marcus für den Islam und sah darin keinen Widerspruch zu seiner Deutschen Identität.

Seine Vision einer Deutsch-Islamischen Synthese ist heute aktueller denn je. Als Deutsche Muslime sollten wir uns – aufgrund der Relevanz seiner Ideen – um eine intensive Auseinandersetzung mit unserer deutsch-muslimischen Geschichte bemühen. In seinem Vorwort zur Koranauslegung schreibt Sadr-ud-Din über Hugo Marcus (der zu der Zeit den Namen Hugo Israel tragen musste), ohne dessen Namen zu erwähnen, folgende Zeilen:

 „Ein bedeutender deutscher Freund hat während der gesamten Dauer meiner Tätigkeit an der Übersetzung angestrengt für mich gearbeitet und mir die denkbar größte Hilfe zuteil werden lassen. Sein Beistand war beides: unentbehrlich und unschätzbar. Seine Liebe zum Islam ist unbeschränkt. Und demgemäß waren es seine Opfer und Dienste. Möge Gott ihn segnen und belohnen.“