Die Smartphonefrage

von Leonard Sezgin-Just

Man macht sich heutzutage zu einer unfreiwillig albernen Rarität, wenn man als noch nicht pensionierter Mensch bewusst auf den Besitz eines Smartphones verzichtet. Wo sich noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt die Erwachsenengeneration durch die Bank weg lustig gemacht hat über betatschbare Riesenbildschirme, die man in der Hosentasche mit sich rumträgt, sind iPhone u. Co. heute aus einer halbwegs zeitgemäßen Lebensführung nicht mehr wegzudenken. Läuft man durch eine moderne Großstadt wie Berlin und begibt sich in eine der dann doch noch recht antiquiert ratternden und quietschenden U-Bahnen, erkennt man bei einem Blick auf die Mitmenschen schnell, wie hegemonial das Smartphone geworden ist – und das nicht nur als nun mal ungeheuer praktische technische Gerätschaft, sondern als regelrechte Lebensform.

Ich habe das letzte halbe Jahr über mit dem Smartphone existentiell gehadert. Als sich nach über fünfjähriger Betriebszeit mein altes Gerät der endgültigen Selbstvernichtung zuneigte, stellte ich mir mit allem gebotenen Ernst die Frage: Sollte ich diese Situation als Wink des Schicksals nehmen, mich endlich vom Smartphone zu emanzipieren? Schließlich liegt die menschheitsgeschichtliche Wucht der jüngsten technischen Entwicklungen mit allen ihren Schattenseiten offen zutage: Nichts wird nach der digitalen Revolution samt Internet, Smartphone und Biooptimierung noch sein wie vorher. Es bereitete mir untergründig ein flaues Unbehagen, dass ich im Begriff stand, endgültig in eine neue Welt überzutreten, die meiner Großelterngeneration gänzlich unverständlich und fremd gewesen wäre. Dabei war es gar nicht mal zuvorderst jene altkonservative Grummeligkeit, die mir in Gesprächen mit Freunden und Bekannten oft vorgehalten wurde, die mich umtrieb. Es war die Sorge darum, welches Selbst- und Weltbild, welchen Lebensentwurf ich mir hier durch die Logik der neuen Technik unterschwellig einhandelte und aneignete.

Neben Erscheinungen des Kulturverfalls, die – zugegebenermaßen – schon seit den Zeiten Aristoteles’ beklagt werden (es wird nicht mehr gelesen, man unterhält sich nicht mehr, Kinder spielen nicht mehr in der Natur usw.), geht es hierbei noch um etwas Anderes, für die heutige Zeit Spezifischeres. Kurz gesagt: Wie ist ein autonomes, sprich in der Grundausrichtung selbstbestimmtes Leben in einer omnipräsent konditionierenden Digitalmatrix möglich? Eines ist klar: Die digitale Welt, deren gegenwärtig stärkster Ausdruck das Smartphone ist, konditioniert uns auf denkbar viele Weisen. Um das zu erkennen, braucht es nicht einmal entlarvenden Scharfsinn – ganz offenkundig ist das Smartphone vom Hersteller technisch daraufhin ausgelegt, möglichst viel Aufmerksamkeit, Selbstpreisgabe und Kauflust vom Nutzer zu absorbieren; sprich: Zeit, Informationen und Geld abzuschöpfen.

Es handelt sich mithin um eine Art Tauziehen: Die eine Seite – der Anbieter – möchte den Nutzer so weit wie irgend möglich in Beschlag nehmen, wohingegen die andere Seite – der Nutzer – die Vorteile der Technik einstreichen, dabei jedoch die Entscheidungshoheit über die Art der Nutzung behalten will. Um unsere Aufmerksamkeit und unsere begrenzten Kapazitäten wird täglich gebuhlt – von zunehmend konkurrenzstärkeren Angeboten der Digitalindustrie. Wenn wir wollten, könnten wir uns rund um die Uhr berieseln lassen, unsere primitive Bedürfnisstruktur in all ihrer Bandbreite durch digitale Angebote abdecken lassen. Von News, Videoclips und Partnerfindung über Gesundheitsoptimierung und Selbstdarstellung bis hin zu Urlaubsbuchung, Klamottenkauf und Pornokonsum ist nahezu alles verfügbar. Der passive Konsument, der mit den vermarktungsfähigen Trends der Zeit mitschwimmt und sich nicht durch kritische Widerständigkeit querstellt, ist dementsprechend das Wunschsubjekt der Digitalwirtschaft. Alle Tore zum Selbst offen – das ist das Ideal unserer Zeit. Unser Kontingent an möglichen Handlungen und Gedanken ist indes begrenzt, genauso wie unsere Lebenszeit. Und wenn wir sie unserer Familie, Freunden, dem in Büchern liegenden Wissen oder, noch anachronistischer: Gott widmen wollen, müssen wir uns bewusst dafür entscheiden und diese Entscheidungen gegenüber anderen Handlungs- und Denkalternativen durchsetzen. Das ist die ganz praktische Bedeutung von „Autonomie“ für einen modernen Menschen, vor allem, wenn dieser als ein religiöser noch in metaphysische Netze verstrickt ist.

Religionsphilosophisch gewendet bedeutet diese Autonomie, umfassende Konditionierung durch keinen anderen außer Gott erfolgen zu lassen. Er ist diejenige Instanz, die existentielle Selbstbestimmung durch existentielle Hingabe ermöglicht. Sein Netz spannt das religiöse Subjekt durch sein Leben, bis hinein in die unterbewusste und habituelle Formung seiner selbst im Alltag. Dabei kann der Anspruch natürlich niemals sein, gänzlich weltunabhängig zu leben und einzig im Netze Gottes zu liegen. Das wäre, wenn überhaupt, im abgeschotteten Eremitendasein möglich. In dem Moment, wo man sich der menschlichen Mitwelt und mithin einer gewissen Zeitgenossenschaft aussetzt, führt man andere Variablen in sein Leben ein, von denen man sich immer auch ein Stück weit abhängig macht, sich konditioniert. Doch was die Religion uns nahelegt, ist, das göttliche Konditionierungsnetz stets als Grundlage und primäre Referenzebene beizubehalten. Es ist also eine Art Balanceakt, von wie viel Welt man sich innerlich abhängig macht. Wenn dieses innere Gleichgewicht des religiösen Menschen durch weltliche Kräfte aus der Bahn geworfen wird, tritt jener Zustand ein, den die verschiedenen abrahamitischen Traditionen mit Götzendienst oder Idolatrie beschrieben haben. In der heutigen Welt kann das etwa geschehen durch Drogen, Geld, Politik und Mode, immer dann, wenn ihnen eine gottgleiche Rolle in unserem Leben zukommt. Und potentiell eben auch: durch das Smartphone und dessen digitale Sphäre.

Denn komplizierend zum oben beschriebenen Tauziehen kommt hinzu, dass wir es nicht mehr mit einzelnen Anbietern zu tun haben, sondern mit einem ganzen System, einer Matrix an Konditionierungszusammenhängen. Wie kommen wir an Wissen und Nachrichten? – über Internetangebote, von der Wetter-App bis zu Facebook. Wie kommunizieren wir? über Internetangebote, von Email bis WhatsApp. Wie erzeugen wir unser öffentliches Bild? – über Internetangebote, von LinkedIn bis Instagram. Und natürlich: Wie kaufen wir ein? – über Interangebote, von Amazon bis Amazon, werbetechnisch fein abgestimmt auf unsere bewussten und unbewussten Konsumpräferenzen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Das sind alles für sich genommen keine schlechten oder irgendwie abträglichen Sachen, in den meisten Fällen liegt der Nutzen und alltagsmäßige Mehrwert sogar derart sinnfällig zutage, dass man eine gehörige Portion renitenter Irrationalität aufbringen müsste, um sich diesen Formaten dauerhaft zu verwehren. Wie sollte ein Leben im grundsätzlichen Widersetzen gegen die moderne Technik auch aussehen: in einer Hütte im Wald, ohne Strom und fließend Wasser? Die Technik als gegenwartsbestimmendes Kulturgut ist argumentativ ebenso wie lebenspraktisch weitreichend alternativlos. Doch gerade das macht ihre Auswirkungen, insbesondere in Zeiten derart rapiden Fortschritts wie heute, so durchschlagend und damit: potentiell unwiderstehlich. Technik formt Kultur, im weitesten Sinne des Wortes, als Zugang des Menschen zu seiner Umwelt und zu sich selbst. Und kultureller Welt- und Selbstzugang ist stets beides: befreiendes Medium und beengendes Gehäuse. Zu denken, dass der gegenwärtige Wandel nichts mit uns macht, wäre naiv.

Unser Dasein als Geschöpfe in dieser Welt ist eine ganz schön vertrackte Angelegenheit. Auch nach Jahrhunderten der Wissenschaft ist uns unsere Existenz alles andere als transparent. Mithin ist dem Zugang zu unserem Dasein, und damit zu Welt und Selbst, eine gewisse grundsätzliche Zerbrechlichkeit zu eigen. Das sieht man beispielhaft an der typisch modernen Unsicherheit und Überforderung des Individuums in religiöser und spiritueller Hinsicht. Ob ein Mensch eine von innen heraus bejahte Beziehung zu seinem Schöpfer hat, kann mitunter von einem Tag abhängen. In Zeiten einer derart hohen Fragilität der Religiosität, die jeden Einzelnen betrifft, sieht sich der religiös gesinnte und gestimmte Mensch in der Notwendigkeit, besondere Acht zu geben auf sein Verhältnis zum eignen Dasein. Mithin: Eine eigene metaphysische Kultur im Umgang mit der Welt und sich selbst auszubilden, die eine gewisse Autonomie gegenüber den Tendenzen der Zeit zu behaupten vermag.

Dazu gehört etwa auch, die Welt in ihren kleineren und größeren Dingen auf sich wirken zu lassen. Welche erhebende oder erschütternde Tiefenwirkung ein herrlicher Sonnenuntergang oder ein mächtiger Sakralbau auf einen hätte haben können, wird man nie erfahren, wenn man alles ‚Erstaunliche’ nur noch durch die Kameralinse des reflexartig gezückten Smartphones wahrnimmt. Die existentiell-spirituelle Wirkung von Langeweile und Nichtstun wird man nie erfahren, wenn man jede freie Minute mit digitalen Ablenkungsangeboten überbrückt. In der Tat: Das Smartphone hat das Potential, die Lebendigkeit und Echtheit des wirklichen Lebens in einem betäubenden Nebel zu verschleiern.

Die entscheidende Frage ist nun: Bis wohin geht im Umgang mit den Ansprüchen der neuen Technik gesunde Vorsicht, und wo beginnt paranoide Übervorsichtigkeit? Wo liegt das rechte Maß des Widerstands? Ich habe mich letztlich für das Smartphone entschieden. Vor allem aus dem Argument heraus, eine gewisse Zeitgenossenschaft zu der mich umgebenden Welt zu bewahren. Und weil ich glaube, dass es möglich ist, die Vorzüge der digitalen Technik zu nutzen, ohne sich ihr gänzlich hinzugeben. Womit nicht gesagt ist, dass das ein einfaches Spiel wird. Es bleibt dabei, dass man Autonomie gegenüber der Technik in der heutigen Kultur aktiv behaupten muss. Etwa in der Hinsicht, wie, wann und wo man das Smartphone nutzt oder was man online von sich preisgibt. Unser Umgang mit diesen Dingen berührt die allerwichtigsten Fragen unserer Daseinskultur und Spiritualität.