Über den Zufall

Von Leonard Sezgin-Just

Gibt es Zufälle? Passiert alles, was uns widerfährt, einfach so, fällt es uns zu, ohne eine tiefere Bedeutung zu haben, in einem größeren Zusammenhang zu stehen? Als Gottgläubiger wird man wohl an einen wirklichen Zufall, an ein urheberloses Zusammenpurzeln der Realität, nicht glauben können. Nein, diese Vorstellung würde einem eher den Weg weisen in einen nihilistischen Materialismus, in die Verneinung aller ersten und letzten Sinnhaftigkeit. Darauf werden sich die Gläubigen wohl einigen, wird sich wohl jeder einzelne Gläubige mit sich selbst einigen müssen, der an einen Gott als Schöpfer, Urheber und Lenker dieser Existenz glaubt. Doch das ist nicht alles, unsere gegenwärtige existenzielle Konstellation ist mehr noch als ein beliebiger gottverursachter Würfelwurf. Jeder kleine Tupfer im Bild gibt unserem Dasein einen Teil seiner Bedeutung, ist eine für sich besondere Dimension, vervollständigt die jeweilige Momentaufnahme. Die Wolken, die sich am Himmel zu wunderlichen Gestalten winden, uns kurz aufblicken und innehalten lassen; der Dreck an der Wand in der U-Bahnstation, der wohl wahrlich nicht durch seine ästhetische Ansehnlichkeit besticht, unseren Blick aber fängt und uns kurz aufmerken lässt – all das ist Teil unseres Lebens, macht es in seiner Alltäglichkeit zu einem sinnhaften Unikat.

Zufall ist also auch das Allerbanalste nicht. Wenn wir nur empfänglich sind und lauschen, tut uns auch das Läppischste einen Sinn kund. Alles ist hingesetzt und ausgeformt, in den Zusammenklang der Existenz eingebettet; nichts ist „zugefallen“ oder lieblos hingeworfen. „Zufall“ ist ohnehin ein reichlich trostloses und kunstloses Wort, es nimmt dem So-und-nicht-anders-Sein seine Würde und Erhabenheit, seine Liebe und Tiefe. Und damit: seinen Trost. Denn wenn der Existenz ihr metaphysischer Kunstcharakter geraubt wird, spüren wir die Ferne des tröstenden Künstlers.