Der wahre Geschmack der Speise

Von Salim M. Nasereddeen

“Wer den wahren Geschmack seiner Speise kennt, kann nie ein Vielfraß sein; wer es nicht tut, kann nichts anderes sein.” -Henry David Thoreau

So schrieb der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau in seinem wohl bedeutsamsten Werk “Walden oder Leben in den Wäldern”. Walden ist ein sonderbares Buch in dem sich die Geisteswelt eines sonderbaren Autors offenbart. Konstant in seinem zivilisationskritischen Ansatz ist es eine Mischung aus Tagebucheinträgen, zahlreichen Naturbeschreibungen und philosophischen Abhandlungen, sowohl über das dem Menschen ureigene Wesen, als auch zum Zeitgeschehen zur Mitte des 19. Jahrhunderts, damals vor Allem geprägt von der sich mehr und mehr anbahnenden Industrialisierung. Thoreau entschied sich, im Jahre 1845 für etwa zwei Jahre in einer selbstgebauten Blockhütte in einem Waldstück am Walden Teich in Neuengland autark und fernab der Zivilisation zu leben. Das Gewässer verlieh dem in dieser Zeit entstanden Buch seinen Namen. Was augenscheinlich nach einem Projekt zur Weltentsagung und -flucht klingen mag, wurde vom Autor selbst und seinen Rezipienten anders, wesentlich weiter gedeutet. Vielmehr wollte sich Henry David Thoreau in der Entrücktheit und Abgeschiedenheit der Wälder auf der Suche nach dem “wahren Leben” begeben. So heißt es an einer anderen Stelle:

“Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“

Eine Bedingung für dieses Anliegen, neben der Genügsamkeit, tritt in Walden immer wieder deutlich ans Tageslicht: Das achtsame, feinfühlige und bewusste Beobachten und Erleben. Kaum einen Aspekt menschlichen Daseins und der zeitgenössischen Kultur des Autors entzieht sich seiner Betrachtung. So auch nicht das Thema der Ernährung. Zuweil muten Thoreaus Einträge an wie energische Pamphlete gegen die Grobschlächtigkeit und Impulsivität, kurz, gegen das unachtsame Daherleben - auch wenn es ums Essen geht.

Das obige Zitat leitet einen solchen Absatz in Walden ein. Was aber kann damit gemeint sein, “den wahren Geschmack seiner Speise” zu kennen? Die Gier, und präziser, der unbändige Appetit sei es, der den menschlichen Körper verunreinige, nicht die Speise per se. Nur wenn das Geschmackserlebnis imstande ist, den Geist zu wecken, um neben dem animalischen auch das intellektuelle Leben zu erhalten; nur dann dienen uns die Speisen zu mehr als “als Fraß für die Würmer (...), die uns einst beherrschen werden.”.

Den Geist zu wecken und das intellektuelle Leben zu erhalten, darin besteht für Thoreau der Genuss und die Befriedigung an der Speise, an der der rohe Appetit keinen Anteil hat. Das bedeutet es, den wahren Geschmack seiner Speise zu kennen.