Was bleibt? Gedanken zur spätmodernen Religiosität

Von Tarek Sourani

Mit Gott haben viele Zeitgenossen es nicht mehr so. Das vergangene Jahrhundert hat dieses so mächtige und umkämpfte Wort „Gott“ abgesetzt. Denn der Imperativ der Moderne befahl die Auflösung aller religiösen Bestände, insbesondere aller metaphysischen Annahmen. Bis heute entwertet und überholt der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt die archaischen Denkformen religiöser Traditionen.

So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich an die vormalige Stelle der Jenseitsgewissheit hartnäckig säkulare Fortschrittsverheißungen und utopische Diesseitsversprechungen postieren und ihren Gläubigen schmeicheln.

Und doch ließ sich der französische Schriftsteller André Malraux gegen Ende des 20. Jahrhunderts von diesen Entwicklungen nicht irritieren und prophezeite stattdessen:

»Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Religion sein, oder es wird nicht sein.«

Ohne Frage kam es in unseren Breitengraden zu einem enormen Relevanzverlust religiöser Wertemuster und Weltbilder für die individuelle Lebensführung. Aber mit Malraux ließe sich sagen, dass sich das Komplettverschwinden oder gar die Irrelevanz des Religiösen im globalen Kontext als unzutreffend erwiesen hat. Nach Malraux wies auch Habermas 2001 unter dem Begriff der „postsäkularen Gesellschaft“ darauf hin, dass sich ungeachtet aller Entmythologisierung europäische Gesellschaften auf den Fortbestand des Religiösen einzustellen haben. Und man möchte dazu sagen, dass ihm die zerstörten Twin-Towers oder die hitzig geführten Diskurse über den Islam Recht gaben. Aber es ist nicht nur der Angst und Schrecken verbreitende religiöse Terrorismus auf der politischen Weltbühne, es sind auch die unzähligen kleinen New-Age und Wellnessbewegungen, die Habermas’ These unterstreichen. An dieser Stelle wird ein folgenschweres Paradox erkenntlich. In dem Maße, in dem einheitlich und traditionell geprägte Religiosität verschwindet, tritt eine zunehmende Diffusion unterschiedlichster Glaubensinhalte mit verschiedener Herkunft in Erscheinung. Gemeint ist der kunterbunte Markt der Esoterik.

Seine spirituellen Waren erleben seit Jahren eine Erfolgsgeschichte. Mit ihrem  indivduums-und erlebnisorientierten Charakter fügen sich diese säkularen „Updates“ wunderbar in unsere Lebensweise ein. Hoffnung und Glück wird in den Ratgeberbüchern für wenig Groschen verkauft. Hier helfen Mondsteine gegen Liebeskummer und Energiemedizin für die eigene Karriere. Seelenreisen versprechen Selbstoptimierung. Kaum ein Wellness-Angebot, das nicht esoterisch-ayurvedisch orientiert ist; in fast jedem Bekanntenkreis Menschen, die Kraftschöpfungsseminare oder Schwangerschafts-Qi-Gong belegen, Feng-Shui-Beratungen aufsuchen, Reinkarnationstherapien durchführen, schamanische Trommelkurse belegen, Tarotkarten legen oder vom Dalai-Lama und seiner stilisierten Friedfertigkeit schwärmen.

Als Konkurrenz zu den schwer verdaulichen Weltanschauungen samt Dogma und Moral sind sie leicht konsumierbar und stören unser persönliches Befinden nicht. Zudem finden sie ja in der Freizeit statt, konkurrieren gleichsam mit anderen säkularen Alternativen wie Joggen oder Kino, zwingen einen aber nicht wie herkömmliche Religiosität zur aktiven Praxis. Meditiert wird, wenn ich Zeit habe und nicht etwa, wenn es mir jemand anderes vorschreibt. Während der „Alt“-Gläubige Esoterik sicherlich scharf als Narzissmus geißeln wird, erkennt der Liberale auch hier die unbegrenzte Autonomie des Individuums.

Einer überlieferten Religion zu folgen muss dagegen also unheimlich antiindividualistisch aussehen. Sie bietet keine Unverbindlichkeit (kein „Believing without belonging“) sondern lebenslange Kontinuität; und das heißt zwangsläufig auch Einschränkung, da überfordernde Optionen und Möglichkeiten wegfallen. Ein Schlag ins Gesicht für uns moderne Subjekte.

Aber es bleibt der Unterschied ums Ganze. Im innersten Wesen unterliegen die Formen der neuen Religiosität dem Postulat säkularen Denkens. Denn es wird sich keiner höheren Gewalt unterstellt, der Bezugspunkt ist nicht das Absolute, sondern das Selbst. Innere Einkehr oder stilles Gottvertrauen wird getauscht gegen weltliche Selbstermächtigung.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum sich die neue ‘Nachfrage’ nach dem Religiösen abseits moralisch und dogmatischer Auslegungen religiöser Überlieferungen bewegt. Interessant sind eher Aspekte des Ästhetischen, Sinnlichen und Emotionalen. Fühlen und Spüren haben Vorrang, also etwas, was traditionelle Religiosität häufig vernachlässigt, so zum Beispiel bei den (ganz im kulturellen Mainstream eingebetteten) atmosphärischen ‘Performances’ oder den ekstatischen Überschreitungen des Selbst.

Nicht selten haben diese Rituale zwar eine positive therapeutische Wirkung, übersehen wird jedoch, dass das Paradigma der individuellen Selbststärkung bisweilen auch im Dienst der Ökonomie stehen kann. Wenn Krankenkassen die Kosten für Meditationskurse übernehmen ist das einerseits löblich, verstärkt aber auch andererseits den Verdacht, dass dadurch neue Energien freigesetzt werden sollen, um im harten Wettbewerb weiter standhalten zu können.

Besonders fragwürdig scheinen auch die mittlerweile auf allen Kanälen transportierten Motivationssprüche einer positiven Psychologie im Tabula Rasa-Modus mit ihren sanften Zwängen: Sätze wie „Glaube nur genügend an Dich selbst!“ können, neben ihrem positiven Gehalt, auch Abgründe kaschieren und nicht viel mehr bedeuten als: „Richte dich ein im sozialen Elend!“. Überhaupt bleibt der Grundverdacht, dass esoterische Lebensberatung die äußere Welt des Individuums häufig ausklammert und stattdessen blinde und bedingungslose Anpassung an die bestehenden Verhältnisse propagiert, während über soziales Leid nicht selten geschwiegen wird.

Zugegeben bieten okkulte und esoterische Vorstellungen zwar eine mittelfristige Lösung gegen Orientierungs- und Perspektivlosigkeit. Aber dort, wo das Kalkül des Selbstinteresses und der Kosten-Nutzen-Faktor Abgründe hinterlassen, erwecken auch alte religiöse Tradierungen wieder neue Aufmerksamkeit. Als Letztinstanz für eine transzendenzorientierte Lebensführung, als ganzheitlicher Lebenssinnstifter oder als Deutungshorizont zu Herkunft und Zustand der Welt beantworten die traditionellen Religionen Fragen, die in der Esoterik häufig fehlen.