Meditation zu Rilkes „Ich lebe mein Leben“

von Leonard Sezgin-Just

Rainer Maria Rilke hat in seinem Stunden-Buch im Jahre 1899 ein zweistrophiges Gedicht geschrieben, das wie fast kein zweites in wenigen dichten und klingenden Worten meinen Blick aufs Leben zum Ausdruck bringt; tiefste Verlorenheit und tiefste Aufgehobenheit finde ich darin zugleich.

“Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.”

Wir leben unser Leben in Schichten und Ablagerungen, wie in Wachstumsringen eines Baumes, wir betreten Stufe um Stufe aufs Neue, und nach jeder vergangenen Sekunde ist das vorherige Sein schon unwiederbringlich Geschichte. So wachsen wir uns durchs Leben, vom ersten Moment nach der Geburt an bis zum letzten Atemzug auf dem Sterbebett. Geworfen sind wir in das Werden und jedes Sein wird in dem Moment, da wir es gewahren und es zu fassen versuchen, zu einem Nicht-mehr-so-Sein, zu einem Verflossenen. Vergangene Bilder leuchten in unseren Herzen fort, vergangene Zustände unseres Seins, die nur ihren Abglanz in die Zukunft hinfort gesandt haben: der erste Schultag, ein Picknick im Sommer, eine erhabene Nachtstunde, ein Gebet. All das schien, als es war, so selbstverständlich und real wie nichts sonst; doch es hat sich durch sein Vergangen-Sein in uns eingezeichnet, ist zu dem geworden, was wir sind. Oder sind nicht vielmehr wir zu dem geworden, was es war?

Die Ringe unseres Lebens legen sich über die Dinge, über all das Dingliche, dem wir in unserem Leben begegnen. Der Klassenraum mit seinem unverwechselbar muffigen Geruch, den wir am ersten Schultag zum ersten Mal betreten haben; der wildgewachsene Baum mit seiner grobkerbigen Rinde, an dem wir beim Picknick lehnten; der traurigschöne glühende Mond, in den in jener Nachtstunde unsere Blicke versanken; die magisch-angespannte Stille, die unser Gebet begleitete – all dies wird nie wieder so sein, wie es gewesen ist, wird für immer hinter uns liegen. Doch zugleich liegt es in uns, ist von den Ringen unseres Wachsens umschlossen und somit Teil von uns. Man könnte auch mit Hegel sagen: es ist aufgehoben, und zwar im dreifachen Sinne dieses besonderen deutschen Wortes. Zum einen ist es aufgelöst, annulliert, durch die Aufhebung verneint; nie wieder werden wir dessen greifhaft werden. Zum anderen ist es jedoch auch bewahrt und aufbewahrt, in unserem Gewachsen-Sein heben wir es auf. Zum dritten ist es jedoch auch emporgehoben und aufgewertet, in unsrem Werden auf eine neue Stufe gebracht.

Unser Wachsen ist also in ein ewiges Streben nach oben gebettet, wir werden mit jedem Ring ‘mehr’ als wir zuvor waren – allein schon aufgrund der Tatsache, dass das Vergangene in uns aufgehoben ist. Ohne uns dessen stets bewusst zu sein, streben wir nach einer Vollendung, nach einem letzten Ring, der uns Ganzsein schenkt und uns am Ziel ankommen lässt. Diesen mystischen Sehnsuchtsort werden auf Erden wir nie zu erreichen vermögen – unser Sein wird immer ein Unvollständiges, ein Werdendes bleiben, niemals wird sich der vervollkommnende Ring tatsächlich um uns legen. Und doch erheischen wir ihn, werden von seiner strahlenden Kraft fern am Horizonte angetrieben, erleben uns als Gezogene und Getriebene. In dieser existenziellen Erfahrung des Strebens zeigt sich uns eine Seite unseres Menschseins, unserer conditio humana, die uns gleichermaßen vertraut wie unerklärlich bleiben wird. Ohne jenes schemenhafte, lichtgestaltne Letzte, das wir erstreben, würde unser Leben erlahmen, würden wir im resignierten Dahinvegetieren steckenbleiben. Das Strebende ist das Öffnende, ja, das Erlösende. So lässt Goethe im Faust die Engel, die Faustens Seele gen Himmel tragen, verkünden: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Das Wort erlösen bringt hier wiederrum einen mehrschichtigen Sinn zum Ausdruck: Wir werden vom bisherigen Leben abgetrennt, das heißt abgelöst und losgelöst; zugleich löst sich damit aber auch die Enge und Gebundenheit des Weltlichen, Materiellen und Zeitlichen; dieser neue Zustand ist dann ebenso das Ergebnis, der Erlös, den wir erhalten als eine Spiegelung zu unsrem vorherigen irdischen Streben. Es ist das Versuchen des letzten Ringes im rund-umgreifenden Ganzen, auf das es ankommt; nicht auf das Vollbringen.

“Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.”

Nun verwandeln sich bei Rilke die Wachstumsringe in ein Umkreisen Gottes, des „uralten Turms“. Wo zuvor die Entwicklungskreise des Menschen um sein Selbst zentriert waren und nach außen zu wachsen schienen, ist nun das Werden nach innen gestülpt und auf Gott zentriert. In Gott, dem Erhabenen, nimmt das schemenhaft Leuchtende unseres letzten Ringes auf einmal konkrete Gestalt an: Gott ist der letzte, der innerste Ring, in dem sich alle Ringe auflösen, der eherne Turm, um den wir kreisen. Uralt, ewig ist dieser Turm, er war schon da vor all unseren Ringen, die wir in unserem Leben gezogen haben und die uns zu dem gemacht haben, der wir nun sind. Wenn wir dies realisieren, erscheint uns unser eigenes Kreisen als ein „jahrtausendelanges“; in allen bisherigen Augenblicken unserer Existenz, unserer Wirklichkeit, kreisten wir um diesen Turm – auch wenn wir es nicht immer gewahrten. Während alles sich verändert hat, alles, was einmal war, notwendig verflossen ist, ist der Turm stets derselbe geblieben; derselbe eherne, erhabene, ewige Turm.

Dieses Gewahrwerden lässt die Melancholie, die aus der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit unserer einzelnen Seinsmomente strömt, in ein Gefühl erhabenen Sinnes münden. Im Angesicht des ewigen Turmes, der sich in seiner Festigkeit und Höhe weithin sichtbar über das Land erhebt, werden wir, die wir um diesen kreisen, von unserer Selbstzentriertheit und Egomanie befreit – wir dürfen unser Streben fallen lassen in das große Ganze, in Gott. Das eigene Ich, das wir zuvor so gut zu kennen meinten, verliert seine klaren Konturen, entäußert sich im Angesicht Gottes. Die seelenhafte Substanz verdrängt das um sich selbst kreisende Ich und kann sich nur noch in vergeistigten, symbolhaften Bildern erblicken. Bin ich ein Falke, ein sonnenbeschienenes, entschlossen zupackendes Tier, das die Lüfte um den Turm durchfährt? Bin ich ein Sturm, rein die heftige innere Bewegtheit der Lüfte, die um den Turm wehen? Oder bin ich ein großer Gesang, einzig der weihevolle, hymnische Schall, der durch die Sphäre geht? Gott, der Turm, ist nie greifbar, der Falke wird ihn nie packen können, der Sturm nie heben, der Gesang nie umgreifen; und doch kreisen wir unermüdlich um diesen Turm, der das innerste Zentrum unseres Strebens ist. Er – Gott – ist der Antrieb unseres Strebens, dem wir getrost den „letzten Ring“ überlassen können.