“Hayy ibn Yaqdhan” - Ein erhellender Bildungsroman aus Andalusien

von Salim M. Nasereddeen

Das “Traktat des Hayy ibn Yaqdhan” ist ein philosophischer Roman, geschrieben vom andalusischen Philosophen und Gelehrten Abu Bakr Ibn Tufail (1105 - 1185). Das Werk ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, insbesondere, was sein Format angeht. In erzählerischer Weise vollzieht der Autor eine Art Gedankenexperiment, dessen Hauptmotiv (es geht um den Menschen auf einer einsamen Insel) unverkennbar Parallelen zu Daniel Defoes Geschichte vom Leben des Robinson Crusoe aufweist.

Hayy ibn Yaqdhan, wörtlich “Lebender, Sohn des Wachenden”, ist der Name der Titelfigur der Geschichte. Zunächst werden zwei alternative Anfänge für die Erzählung präsentiert, in denen Hayy auf verschiedene Weisen seine Insel erreicht. In der ersten Version ist er ein uneheliches Kind einer Prinzessin, die ihn in einem Korb im Meer aussetzt, sodass er an den Strand der Insel gespült wird. In der zweiten Version entsteht Hayys Körper spontan aus der optimal angeordneten natürlichen Materie auf der Insel und bekommt von Gott den Lebenshauch eingegeben. Gemeinsam ist den Versionen, dass Hany von da an vollkommen frei von irgendwelchen Vorerfahrungen isoliert auf der unbewohnten Insel lebt. Ab hier wird sein Leben in fünf Abschnitten erzählt.

Im ersten Abschnitt wird der Säugling von einer Gazelle aufgezogen bis er sieben Jahre alt ist. Hayy wird sich seiner selbst bewusst, nimmt seine Umgebung bewusst wahr und realisiert auch seine Nacktheit (im Gegensatz zu den fell- oder federnbedeckten Tieren). Er trägt Kleidung aus Blättern und kann sich selbst am Leben erhalten.

Der zweite Abschnitt erzählt von der Zeit bis zum 21. Lebensjahr. Die Gazelle, Hayys “Mutter”, stirbt. Er hat gelernt, Werkzeuge zu nutzen und will der Gazelle helfen. Er öffnet ihren Körper auf der Suche nach einem Schaden. Er ist nun auch in der Lage, rationale Schlüsse auf Grundlage seiner Beobachtung zu tätigen und macht so das Herz als Zentrum und Sitz der Seele, nicht nur der Gazelle, sondern von Lebewesen im Allgemeinen aus. Er erwirbt weitere Kenntnisse über die Welt durch Beobachtungen und Experimente, sowie handwerkliche Fähigkeiten.

Der dritte Abschnitt reicht bis zu seinem 28. Lebensjahr. Hayy kategorisiert seine Umwelt weiter und entwickelt nun auch metaphysische Ansichten. Er unterscheidet zwischen der Form und der Materie der Dinge und bekommt über die Entdeckung der Kausalität eine erste vage Vorstellung von Gott.

Der vierte Abschnitt erzählt von Hayys Leben bis zu seinem 35. Lebensjahr. Er macht sich Gedanken über das Universum als Ganzes und ob es wohl urewig oder endlich sei. In dieser Frage kommt Hayy zu keiner abschließenden Antwort. Er erkennt jedoch, dass in beiden Fällen ein Schöpfer notwendig wäre. Auf diesen Schöpfer und seine Eigenschaften konzentriert sich sein Denken von nun an und er wird somit zum Monotheisten.

Im fünften Lebensabschnitt geht es um die Zeit bis zu Hayys 50. Lebensjahr. Nach der Erkenntnis Gottes reflektiert er über sein eigenes Wesen und gelangt zur systematischen Entwicklung einer eigenen asketisch-philosophischen Ethik. Er erlegt sich Speisegebote auf und praktiziert Rituale zur Gottesverehrung. Letztendlich begibt er sich in tiefe Meditation und erlangt eine Stufe, in der ihm ein mystisches Einswerden mit Gott zuteil wird.

Es schließt sich noch ein weiteres Kapitel an die Schilderung von Hayys Leben an: In der Nähe von Hayys Insel befindet sich nämlich eine bewohnte Insel mit einer Gesellschaft, die einer überlieferten, wahren Offenbarungsreligion folgt. Zwei Männer von dieser Insel werden eingeführt, Salaman und Absal. Salaman folgt streng den äußerlichen Bestimmungen der Religion. Absal vertritt eine innere allegorische Auslegung und praktiziert meditative Zurückgezogenheit. Zu diesem Zwecke bricht dieser auf und verlässt die Insel, wobei er Hayys Insel und ihren einzigen Bewohner entdeckt. Von Absal lernt Hayy zu sprechen und im Austausch stellen die beiden fest, dass ihre Ansichten einander entsprechen. Die autodidaktisch erworbenen Erkenntnisse des Hayy ibn Yaqdhan sind gleichnishaft in der überlieferten Religion wiedergegeben. Die beiden beschließen, zur bewohnten Insel zurückzukehren um die unverhüllte Wahrheit unter den Menschen zu verbreiten. Hierbei stoßen sie jedoch auf Unverständnis und schließlich auf Ablehnung. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Allgemeinheit der Menschen nicht zugänglich ist für diese unmittelbare Art der Lehre. Sie widerrufen öffentlich ihre Aussagen und halten die Leute dazu an, weiterhin an der gleichnishaften, aber ebenso wahren Religion festzuhalten. Absal und Hayy kehren auf die einsame Insel zurück und widmen sich der Meditation und Versenkung in Gott, womit die Geschichte endet.

Die Einflüsse auf Ibn Tufails Roman aus der islamischen Ideengeschichte sind zahlreich und umfassen unter anderem die Werke der beiden Philosophen und Gelehrten Abu Nasr Al-Farabi (870 - 950) und Abu Hamid Muḥammad Al-Gazali. Diese Autoren sind der sogenannten formativen Periode der islamischen Ideengeschichte zuzuschreiben. Zu dieser Zeit, die etwa bis in das späte 12. Jh. reicht, prägten besonders griechische antike Texte, die zunehmend ins Arabische übersetzt wurden, das philosophische Denken.

Der Philosoph Al-Farabi wird der „aristotelischen Schule von Bagdad“ zugeschrieben. Auf ihn geht u. a. eine neuplatonisch beeinflusste Emanationslehre über das Sein zurück. Stark an Platons “Politeia” erinnert Al-Farabis umfassende Konzeption einer idealen Stadt in seinem Werk “Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt”. Er widmet sich dort insbesondere auch dem Verhältnis zwischen Religion und Philosophie. Das Urteil Al-Farabis begegnet einem im Wesentlichen unverändert in “Hayy ibn Yaqdhan” wieder; nämlich dann, wenn Hayy sich im letzten Kapitel dazu entschließt, mit Absal die bewohnte Insel aufzusuchen, mit der dortigen überlieferten Religion in Konflikt gerät und zur Einsicht darüber kommt, dass sich Philosophie und Religion in Wahrheit decken, die Wahrheit jedoch einmal gleichnishaft und einmal unverhüllt wiedergeben.

Der Theologe und Jurist Al-Gazali ist eher der klassischen sunnitischen Orthodoxie zuzuschreiben und ist für seine scharfe Kritik an der griechisch beeinflussten Philosophie bekannt. In seiner Autobiographie “Der Erretter aus dem Irrtum” entwirft Al-Gazali eine Erkenntnislehre, die zum einen die klassischen islamischen Wissenschaften rechtfertigt und gegen die Angriffe der rationalistischen Philosophie verteidigt; zum anderen aber auch der mystischen Erkenntnis große Bedeutung beimisst. Die mystische Erkenntnis mittels göttlichen Lichts (Nurun min-Allah) gehe laut Al-Gazali fundamental anders vonstatten als das Erkennen mit Hilfe der Ratio und der physischen Sinne. Sie beruhe auf mystischer, intuitiver und unmittelbarer Erfahrung und sei damit in gewisser Weise meta-rational. Vor allem aber werden Erkenntnisse solcher Qualität durch Gott bestimmten Menschen gewährt, sind also kein Ergebnis menschlicher Anstrengung wie systematisches Nachdenken oder Beobachten. Praktisch erreichbar, jedoch nie unter Garantie, sei dieser Zustand durch Versenkung in Gott und eine disziplinierte, fromme Lebensführung. Das Ergebnis dieses Strebens bezeichnet Al-Gazali später als “Zustand” (Hal) und “Schmecken” (Dhauq). An das Konzept des göttlichen Lichts erinnert die Episode aus Hayy ibn Yaqdhan”, in der dem Protagonisten nach systematischen meditativen Übungen ein Erlebnis des Einsseins mit Gott zuteil wird. Al-Gazali vertritt auch die Position, dass solche Zustände sich der Beschreibung mittels menschlicher Sprache gänzlich entziehen und jeder Versuch dessen gar zur Entstellung und Verfälschung führe. Dementsprechend belässt es ibn Tufail bei der Beschreibung dieser Stelle seiner Erzählung eher bei vagen Andeutungen. Am Ende des siebten Kapitels des Buches heißt es:

“So viele Hinweise kann ich dir in diesem Moment geben über das, was Hayy ibn Yaqdhan an jenem erhabenen Standort geschaut hat. Erbitte nicht von mir, dem in Form von gesprochenen Worten noch mehr hinzuzufügen, denn das ist so gut wie unmöglich.”

Betrachtet man die beiden Autoren Al-Farabi und ibn Tufail, so scheint eine Koexistenz von Religion und Philosophie für beide möglich zu sein, allerdings mit gewissen Einschränkungen. Bei Al-Farabi ist sie sogar ein Charakterzug einer idealen Gesellschaft. Eine Elite von Weisen, die über unverhüllte Erkenntnis verfügen, ist in Al-Farabis “vortrefflicher Stadt” genauso Teil der Gesellschaft wie eine im traditionellen Sinne religiöse Allgemeinheit. An dieser Stelle lohnt auch der Hinweise auf den kompletten Titel des Werkes. Dieser lautet “Die Prinzipien der Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt”. Hier ist bereits impliziert, dass nicht alle Bewohner gesichertes und kritisch geprüftes Wissen über die essentiellen Dinge haben, sondern oftmals lediglich “Ansichten” und Meinungen, die jedoch auf höheren Prinzipien beruhen, die aber nur einem kleineren Kreis vollständig bekannt sind.

In “Hayy ibn Yaqdhan” werden die zwei “Erleuchteten”, Hayy und Absal, nicht zu Missionaren und Eiferern, sondern erkennen die Daseinsberechtigung der Religion an und achten sie, ziehen allerdings die Konsequenz, sich von der Gesellschaft abzusondern.

Aus heutiger Sicht scheint uns eine solche Haltung ihrer Zeit voraus zu sein. Die Vorstellung von verschiedenen gültigen Religionen bietet Raum für einen gewissen Pluralismus, den viele intuitiv eher nicht mit der arabisch-islamischen Zivilisation des Mittelalters in Verbindung bringen würden. Andererseits zeigt Al-Farabi, und das noch stärker als ibn Tufail, in seiner stark elitären Sichtweise auch eine klare Präferenz für die Philosophie gegenüber der Religion.

Auch bei Al-Gazalis “Erretter aus dem Irrtum” und “Hayy ibn Yaqdhan” handelt es sich um einander sehr ähnliche Bücher. Während in beiden Werken ein akademischer Duktus vorherrscht, gelingt es sowohl Al-Gazali wie auch Ibn Tufail diesen akademischen Diskurs in eine unterhaltsame Erzählung einzubetten. Die Erkenntnislehre ist nur eines der Themen, das die Autoren behandeln, aber nach meiner Auffassung das auffälligste; wobei es in Al-Gazalis Autobiographie wesentlich präsenter und dominanter ist als in Ibn Tufails umfangreich erzählten Roman.

In den verwendeten Termini und Konzepten, dem Aufbau der Erzählung, sowie in den geäußerten Haltungen zu Streitfragen im Diskurs zwischen Religion, Philosophie und Mystik, zeigen sich die Einflüsse von Al-Gazalis Werk in “Hayy ibn Yaqdhan” besonders deutlich. Al-Gazali ist nicht einfach nur ein Gelehrter und Philosoph unter vielen, dessen Ideen der Roman Ibn Tufails wiedergibt. Er vertritt darin vielmehr, entgegen den Aristotelikern wie Al-Farabi, den Standpunkt der sunnitischen Orthodoxie und der „gemäßigten Mystik“, die sich selbst ein Dogma der Unsagbarkeit aufzuerlegen hat, um sich nicht in widersprüchliche oder häretische Aussagen zu verlieren.

Ibn Tufail scheint in beiden Fragen, der Haltung zur Orthodoxie wie zur Mystik, insgesamt Al-Gazalis Meinungen mehr zugeneigt zu sein, ohne jedoch dessen Konsequenz in der Ablehnung gewisser philosophischer Lehren zu übernehmen. Dies wird zum Beispiel darin deutlich, dass er die Frage nach der Urewigkeit des Universums, in der die orthodoxe Glaubensauffassung diametral der aristotelischen Philosophie entgegensteht, nicht klar beantwortet, bzw. seinen Protagonisten zu keiner endgültigen Antwort kommen lässt.

Die Darstellung der Mystik - und genauer des “göttlichen Lichts” und des mystischen Zustandes/Schauens/Schmeckens - als Erkenntnisquelle ist es schließlich, die es beiden Autoren erlaubt, den oberflächlichen Streit und die augenscheinliche Unvereinbarkeit von rationaler Philosophie und tradierter Religion zu transzendieren.

Von orthodoxen Gelehrten wie Al-Gazali auf der einen und aristotelischen Philosophen wie Al-Farabi auf der anderen Seite wurde ein analoger Disput in den folgenden Jahrhunderten noch weiter ausgetragen, wobei jedoch Vertreter der Philosophie und der traditionellen Religion  als Rivalen sich häufig auch gegenseitig befruchteten. In diesen Kontext ist auch ibn Tufails Roman zu setzen, der ja im 12. Jahrhundert entstand, also etwa 200 Jahre nach dem Tod Al-Farabis und etwa 50 nach dem Ableben Al-Gazalis. Es ist ein Werk, das verschiedenen Ansichten einen Raum bietet und verschiedene Einflüsse in sich vereint. Im fortschreitenden Erkenntnisprozess der Hauptfigur werden sowohl philosophische Ideen versinnbildlicht wie auch Glaubensinhalte aus der islamischen Orthodoxie. Hier sind besonders die Abschnitte über die Mystik hervorzuheben. Es ist damit ein sehr undogmatisches Buch und wegen seines unterhaltsamen erzählerischen Stils eher für ein breiteres Publikum gedacht.