Was wir von Dostojewskij lernen können

Von Hilal Sezgin-Just

Dostojewskij schreitet mit vierzehn weiteren Verurteilten auf den Paradeplatz. Sie alle tragen weiße Leichenkittel und warten auf den sicheren Tod. Drei der fünfzehn Verurteilten wurden bereits an den Pflöcken festgebunden; es werden die letzten Witze erzählt, die letzten Umarmungen werden ausgetauscht, die letzten Blicke. Als sie die finalen Todesschüsse erwarten, passiert etwas Unvorstellbares: Es wird ein Erlass vom Zaren verlesen, wonach die Staatsverbrecher von der Exekution begnadigt und stattdessen zu acht Jahren Zwangsarbeit verurteilt werden. Dieses Urerlebnis der Scheinhinrichtung führte bei Dostojewskij zu einem Sinneswandel, zu einer „Wiedergeburt“, wie er selbst es nannte, die ihn gänzlich verändern sollte.

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij gehört zu den beliebtesten und bedeutendsten russischen Schriftstellern aller Zeiten. Seine Romane sind weltweit bekannt und wurden in mehr als 170 Sprachen übersetzt, sein Einfluss auf die Geistes- und Literaturgeschichte ist enorm. Das ambivalente Verhältnis zwischen Dostojewskij und dem russischen Volk macht aus dem Autor einen Schriftsteller, der immer aktuell ist; die Dostojewskij-Rezeption in Russland wandelt sich stets mit der Zeit. Mal gerät er unter Kritik, mal wird er zum russischen Nationalhelden gekürt. Er wurde sowohl von rechten Intellektuellen als auch von den Sozialisten für die russische Sache vereinnahmt: So sah der völkisch-nationalistische Arthur Moeller van den Bruck in Dostojewskij die „russische Geistlichkeit“, die sich gegen das „Westlertum“ wehrt, während die Sozialisten nach der Oktoberrevolution Dostojewskij als „Propheten der Revolution“ auserwählten. Der Slawist Andreas Guski zeigt in seiner Dostojewskij-Biographie, dass dessen Leben auch heute noch erstaunlich aktuell ist. Doch was macht Dostojewskij so besonders?

Dostojewskijs Leben war von Niederlagen und Turbulenzen geprägt.  Er war gefangen zwischen seiner freischaffenden schriftstellerischen Passion und dem Gelderwerb, dem er als Schriftsteller unter Zeitdruck nachkommen musste. Als Sozialist im Kreise der Frühsozialisten wurde er mit 28 Jahren inhaftiert.

Nicht zuletzt basierend auf den Erfahrungen der oben geschilderten Scheinhinrichtung geht Dostojewskij in seinem Roman „Der Idiot“ auf den Urteilsspruch einer Exekution ein und beschreibt diese in eindringlichen Zeilen als schmerzhafter und schrecklicher als jede Foltermethode und jede Tötung.

„Nehmen wir zum Beispiel die Folter; dabei gibt es Schmerzen und Verwundungen, das heißt körperliche Qualen, und daher lenkt dies alles den Gefolterten von dem seelischen Leiden ab, so daß er nur von den Wunden Qualen empfindet bis zu dem Augenblick, wo er stirbt. Aber der ärgste, stärkste Schmerz wird vielleicht nicht durch Verwundungen hervorgerufen, sondern dadurch, daß man mit Sicherheit weiß: nach einer Stunde, dann: nach zehn Minuten, dann: nach einer halben Minute, dann: jetzt in diesem Augenblick wird die Seele aus dem Körper hinausfliegen, und man wird aufhören, ein Mensch zu sein, und daß das sicher ist; die Hauptsache ist, daß das sicher ist.“

Wenn man diese Zeilen liest, versteht man vielleicht ansatzweise, wie es ihm während der Scheinhinrichtung ergangen sein muss und weshalb er sich dem Zaren danach verbunden gefühlt hat: Der Zar wurde zum Vater, der ihm das Leben geschenkt hatte. Dostojewskij erkannte, dass das Leben kein Naturrecht und keine Selbstverständlichkeit ist und versprach, sich dem Zaren, dem russischen Volk und Christus hinzugeben.

Was können wir nun in dieser Angelegenheit von Dostojewskij lernen? Auf den ersten Blick scheint es unvorstellbar, in einer solchen Situation einen derartigen Sinneswandel zu vollziehen und die Scheinhinrichtung dankend als einen gewährten Neubeginn aufzunehmen. Viel eher würde man an seiner Stelle vielleicht Rache schwören und sich seinen Lebtag damit nicht zufriedengeben.

Wir sehen unser Leben häufig als trivial an; wir leben nun mal und glauben das gute Recht zu haben auf ein würdevolles Leben. Daran ist nichts auszusetzen. Allerdings reflektieren wir über unsere Existenz erst in Gefahrensituationen, wenn uns beinahe etwas zugestoßen wäre, oder wenn anderen etwas zugestoßen ist. Wir betrachten das Leben nicht als Geschenk des Schöpfers, das Existenzielle bleibt hängen zwischen Banalitäten und Pflichten im Alltag. Dostojewskij beschäftigte sich lange vor der Freudschen Psychoanalyse mit den Abgründen der menschlichen Seele und lange vor den Existenzialisten mit Existenziellem. Er befasste sich mit Gott, mit menschlichem Leid, Einsamkeit und Sinn. Er kämpfte schon damals gegen die Zweifel des zerstörerischen Nihilismus an und seine Werke sind aus diesem Grund gerade heute immer noch mehr als aktuell.

 „Von mir selbst möchte ich Ihnen sagen, dass ich ein Kind des Jahrhunderts bin, ein Kind des Unglaubens und des Zweifels […]. Bewiese mir jemand, dass Christus jenseits der Wahrheit steht, und stünde die Wahrheit tatsächlich außerhalb von Christus, dann möchte ich lieber mit Christus sein als mit der Wahrheit.“