Vom Ende der Einsamkeit

Von Hilal Sezgin-Just

“Wir sind von Geburt an auf der Titanic. Wir gehen unter, wir werden das hier nicht überleben, das ist bereits entschieden. Nichts kann das ändern. Aber wir können wählen, ob wir schreiend und panisch umherlaufen, oder ob wir wie die Musiker sind, die tapfer und in Würde weiterspielen, obwohl das Schiff versinkt."

„Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Roman von Benedict Wells und ist 2016 im Diogenes Verlag erschienen.

Der Buchtitel ergreift mich sofort, da ich mich seit meiner Kindheit mit dem Thema der Einsamkeit konfrontiert sah; als Einzelkind mit alten Eltern, die jederzeit sterben konnten. Mit einem Unbehagen und einer hohen Anspannung beginne ich das Buch zu lesen; und lasse es bis zum Ende des Buches am selben Tag nicht los. Der Roman erzählt von drei Geschwistern - Jules, Marty und Liz Moreau - die in einem sehr jungen Alter ihre Eltern bei einem tragischen Autounfall verlieren und seitdem auf sich alleine gestellt sind. Es ist ein Roman, der von Trauer, Lebensmut, Hoffnung, Angst und vom Existenziellen handelt. Von allem Menschlichen also, ohne Details auszusparen; in einer erzählerischen Dichte, die das Innerste erfüllt. Der Leser begibt sich in die Welt des 10-Jährigen Weisenkindes Jules und begleitet ihn in seiner Biographie, in seinem Werdegang zum Mitte-Vierzig-Jährigen Vater von Zwillingen, der auf sein Leben blickt und seine zeitlosen Wunden mit dem Schreiben, der Ästhetik und mit Träumen zu heilen versucht. Kann ein Mensch sich von einem solchen Schicksalsschlag jemals erholen? Wie frei kann er sich mit der Last der Erinnerungen bewegen? Werden ihn die Gespenster der Vergangenheit irgendwann einholen? “Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.”

In einer meisterhaften Sprache gelingt es Wells, den Leser durch literarische Rückblenden in Jules zaghaften Umgang mit dem Tod und den zwanghaften Erinnerungen, in seine hoffnungsvolle Reise zu einem besseren Leben zu begleiten; Jules Ängste und Träume werden während der gesamten Lektüre zu den unseren. Alle drei Geschwister haben einen unterschiedlichen Umgang mit dem Schicksalsschlag, doch jeder von ihnen wird davon früher oder später heimgesucht. Sie erleben die Tragik, vor der ich mich in meiner Kindheit am meisten fürchtete. Unglaublich nah fühle ich mich mit Jules verbunden und zittere am ganzen Leib, als er einen zweiten Schicksalsschlag erleiden muss.  Ich versetze mich ein weiteres Mal in seine Lage und spüre einen Kloß im Hals. Ich muss aufhören zu lesen, doch die Tränen haben mich bereits im Griff. Wells hat einen Roman geschaffen, der einen nicht loslässt und unsere Ängste berührt, die wir tagtäglich umgehen, indem wir konsumieren und uns ablenken – wenn wir alleine sind und den Fernseher anschalten, beim scrollen der Timeline oder beim Musikhören; um bloß nicht nachzudenken. Ich muss das Buch zur Seite legen, aber die Gedanken verbleiben in mir. Wells zwingt mich förmlich, die innere Stimme auszuhalten und; ich lasse sie gewähren. Die Dunkelheit, die vor den Fenstern liegt, der Nachthimmel, der den kalten November überschattet, kriecht sich in meine Seele ein, durchdringt mich und bereitet Seelenschmerz. Zu meinem Erstaunen fühle ich mich beruhigt und befreit und lasse das Gespenst namens Angst zu; und damit auch los – ich lasse mich fallen. In Gottes Hände. Denn dort ist das Ende der Einsamkeit.