Stufen

von Hilal Sezgin-Just

Stufen von Hermann Hesse war für mich stets die Schulter, die ich zum Weinen brauchte, um schließlich „Lebewohl“ sagen zu können; Stufen war der positive, melancholische Ausdruck von dem Leid, das ich bei jedem Abschied gefühlt – und lieben gelernt hatte. Denn die Welt war eine Welt von Trennungen. Niemand verweilte an einem Ort für immer und ich hatte lange gebraucht, um mich mit dem Gedanken abzufinden, dass es gut so ist. Es war gut so, wie es war. Denn für keinen Menschen war diese Welt ewig, keine Minute endlos und kein Ort bedingungslos.

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Für jeden Weg, den der Mensch geht und gehen muss, gibt es einen Sinn, den ausschließlich Gott kennt; keine Reise ist Zufall, kein Abschnitt vergebens – ausnahmslos jede Lebensstufe ist ein Pinselstrich auf einem großen Gemälde, das nur Gott kennt und das wir mit Seinen Farben malen. Wir alle sind Künstler fi-lillah, um Allahs Willen. Jeder Lebensabschnitt macht uns zu dem Menschen, der wir sind, jede Entscheidung, jede Trennung komplettiert das Gemälde – mal drückt sie sich in Grau- und Schwarztönen aus, mal sind es bunte Farben, die das Bild schmücken; und erst in dem Wissen um die Grau- und Schwarztöne, die es in jedem Leben gibt, wird die bunte Färbung so wertvoll und so erhaben. Sie alle haben ihren Platz in diesem Bildnis und zeichnen das Kunstwerk aus, das Gott erschuf; die Schönheit der Schöpfung mit ihrer Imperfektion, denn gewiss ist die einzige Perfektion Gott selbst. Und keine Zeit ist ewig, denn ewig ist nur Gott.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Jeder Mensch, der sein Leben lässt, öffnet eine Tür für eine weitere Neugeburt; nicht nur er wird bei Gott neu geboren, auch hinterlässt er seinen Platz für einen anderen. Sein Bild ist bereits gemalt, der letzte Graustich gezogen und nun ist Platz für ein neues Kunstwerk.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Abschied ist nicht für immer, denn die entwichene Seele ist bei Gott, zu Dem wir schließlich alle zurückkehren und bei Dem sich alle versammeln; sie wirkt allerdings auch in uns Noch-Lebenden, als Pinselstrich im Kunstwerk unseres eigenen Lebens. Denn unser Lebensbild trägt den Reliefabdruck der Verstorbenen und lässt sie so weiterleben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Kein Menschenkörper ist ewig, keine Heimat permanent, um sich an sie zu fesseln. Die einzige Konstante ist der Schöpfer, der uns auf jede Stufe, wie steinig sie auch sein mag, folgt und begleitet und hebt. Wenn die Heimat Gott ist, führt jeder Weg zu Ihr; auch der Tod.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Bewegen muss sich der Mensch, sich bemühen und nützlich machen, sich entwickeln. Jeder Pinselstrich erfordert eine Leistung und mit jedem Schwung wird das Werk kunstvoller. In Gottes Weg muss der Mensch laufen und diesen stets hinterfragen; Wo stehe ich? Wo bin ich? Was für ein Mensch bin ich? Wo will ich hin? Wer sich ausruht und meint, angekommen zu sein, ist nicht wirklich angekommen, denn wer ankommt, ist bereits tot.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!