Mit muslimischen Augen hinter vatikanischen Mauern

von Leonard Sezgin-Just

Die majestätischen Mauern des Vatikans erheben sich über dem wuseligen Stadtbild Roms, scheinen in ihrer wuchtigen Unverrückbarkeit schon ewig hier zu thronen. Umspült von morgendlicher Frische schlagen sie einem auf dem erstaunlich langen Fußweg vom Petersplatz hin zum Eingang der Vatikanischen Museen unvermittelt seitlich entgegen. Unsere gehetzten, noch leicht unbeholfenen Schritte schmiegen sich gleichsam an ihren verwinkelten Lauf. In seiner wehrhaften Erhabenheit hält mich dieses Bollwerk gegen die profane Außenwelt in einem Bann der Ehrfurcht, scheint mir unverblümt sagen zu wollen: Hier ist kein Überwinden, kein Überklimmen, was in der äußeren Welt ist, bleibe draußen, was in der inneren, sei dort behütet. Geradezu hermetisch, so drängt es sich mir auf, ist hier der sakrale Kosmos, das Herz der Christenheit, von der sündhaften Außenwelt abgeriegelt. Am Museumseingang angelangt, geht es dann indes erstaunlich schnell und unkompliziert, die Welten zu wechseln, die Pforte zu durchschreiten und sich schließlich auf der anderen Seite der Mauer wiederzufinden. Unmengen von Touristen wuseln durch die Eingangshalle des Museums, wie an einem Flughafen scheinen sie in angespannter Erwartung nach Orientierung zu suchen. Meine Vorstellungen der ummauerten Heiligkeit werden unversehens der menschlichen – schlimmer noch: der touristischen Profanität preisgegeben. Vorgewarnt ob der bevorstehenden physischen und psychischen Strapazen, beginnen wir so unsere Tour durch den gewaltigen Museumskomplex, schlängeln unsere Schritte durch die diversen Ausstellungen und schieben uns gebannt an der schieren Unzahl einzigartiger Gemälde vorbei.

Die Tiefe und Drastik der dargestellten Gesichtsausdrücke lässt mich immer wieder erschaudern, verwundern, entzücken. Kreischende Verzweiflung, stolze Erhabenheit, mütterlichste Sanftmut. All diese Eindrücke prasseln ungefiltert auf den Besucher ein, beschießen ihn geradezu salvenartig mit den tiefsten Abgründen und höchsten Blüten des Menschseins. Mein Blick bleibt hängen bei der Pieta des Carlo Crivelli, auf dem der zu Tode gematerte Jesus mit eingefallenen Gesichtszügen zwischen Mutter, Maria Magdalena und Johannes dem Evangelisten sitzt. Das Wehklagen der drei fährt einem wie ein Stich durchs Herz, Johannes schreit voll qualvoller Verzweiflung gen Himmel, scheint seine Trauer in aller theatralischen Drastik nach außen kehren zu wollen, Maria Magdalena greift schluchzend nach der leblosen Hand Jesu, wimmernd und schniefend den Kopf nach unten gerichtet. Einzig Maria scheint die Kontenance zu wahren, doch ein Blick in ihr betagtes, von einem türkisenen Kopftuch gerahmtes Gesicht, lässt den Gefühlsstrudel erahnen, der ihr Herz fast zum Bersten bringt. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor ein derart würdevolles, ja anmutiges Trauern gesehen, einen allertiefsten Gram, der zugleich von der allerhöchsten Liebe durchdrungen wird und der Mutter, die gerade ihr Kind verloren hat, einen gütigen, versonnenen Blick und die Ansätze eines schlaffen, doch tiefgläubigen Lächelns ins Gesicht legt. Als Muslim sind mir Kreuzestod des Verflossenen und Gottmutterschaft der Betrauernden natürlich befremdlich und unverständlich, ja anmaßend; aber doch spüre ich eine starke Verbindung zu der hier dargestellten Maria. Der Koran beschreibt Maria als eine vorbildhafte Frau der Reinheit und der Mutterschaft, des Glaubens und der Hingabe. Und genau das ist es, was ich in Crivellis Bild sehe: Würde in unerschütterlicher Hingabe. 

Wenige Schritte weiter verflüchtigt sich meine affirmative Bewunderung der christlichen Bildwelt jedoch schnell wieder und weicht der üblichen Irritation über Vergöttlichung des Menschlichen und Vermenschlichung des Göttlichen. Was sich mir jedoch zuvorderst immer wieder aufdrängt: Anzüglichkeiten. Verhohlene, implizite, kaschierte – aber doch: Anzüglichkeiten. Oft schon habe ich mich gefragt, ob mein Gehirn einfach zu pervers und verkommen ist, dass ich allenthalben Erotik und Schlüpfrigkeit in eigentlich frommen und sittsamen Motiven wittere. Doch nun endlich erfahr ich Erleichterung: Dieses Bild kann wirklich niemand nicht-anzüglich deuten. In Mariani Di Austerio Da Perugias Gemälde „Madonna mit Kind und Heiligen“ schlägt einem die geballte Ladung Fleischlichkeit entgegen. Ein Heiliger errötet mit verschmitztem Lächeln, ein anderer wirkt benommen bei dumpfem Schlafzimmerblick, und sogar Johannes der Täufer entblößt dem Betrachter seinen frivolen Hüftschwung. Inmitten all dessen spreizt das Christuskind auf Mariens Schoß seine Beine, umrahmt von einer fleischernen Säule aus nackten Putten. 

Richtiggehend verstört von diesem zugegebenermaßen extremen Beispiel, kann ich den Rest der Vatikanischen Museen durch keine andere Brille mehr sehen: Überall Fleisch, wo doch eigentlich Geist seien sollte. Auch wenn ich alles andere als ein Fleischesfeind bin, beginne ich mich doch zu fragen, ob mir diese Form sakraler Kunst als Gläubiger wirklich eine Verbindung zu Gott ermöglichen würde. Das einzige, was sie bei mir hervorruft: Irritation. 

Und so lasse ich mich weiter treiben durch die Ausstellungsräume, lasse mich berieseln und ergreifen, faszinieren und anwidern. Schließlich landen wir in der Sixtinischen Kapelle, dieser bombastischen Symphonie aus Bibelszenen, die einen auch nach Minuten nicht wissen lässt, wo man hingucken soll. Das Deckenfresko des Michelangelo hält einen besonders gefangen, seinen Gravitationspunkt findend im weltberühmten Motiv der Erschaffung Adams. Ich bin schon viel zu perplex und reizüberflutet, um an der rauschebärtigen Gottesgestalt nennenswerten muslimischen Anstoß zu nehmen, finde kaum mehr als ein müdes Lächeln für die Vorstellung von Allah als einem sich in mythologischem Gestus aus Fleischstrudeln windenden Übervater. Vielmehr lenken die anderen Körper der Decke, besonders aber auch der Altarwand des Jüngsten Gerichts meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie alle wirken auf eine groteske Art heroisch aufgepumpt, erinnern mich unfreiwillig an die germanischen Recken der nationalsozialistischen Propagandakunst. Selbst der sonst so zarte Jesus tritt als muskelbepackter Heros auf, sodass ich ihn zuerst lange nicht erkenne, ja nicht erkennen will. Mit ihren theatralisch ausladenden Gesten, die teils in neckische Posen abgleiten, scheinen die Menschenberge in ihrer Gesamtheit eine feierliche Affirmation der epischen Gesamtszenerie darbieten zu wollen. Als würden sie ausrufen: Sehet, von welcher Gewaltigkeit diese Schöpfung ist! Das Pathos dieser Lobpreisung imponiert mir als Muslim dann doch wieder, wenn auch auf eine ungekannte Art.

Allein diese Leidenschaft vermag mich nicht mehr anzustecken. Bei mir bleibt vordergründig: Irritation. Fleischberge an der Decke, Fleischberge an der Wand, Fleischberge auf dem Boden, in Form von verschwitzten Touristenmassen, die sich sukzessive durch die Räumlichkeiten schieben. Doch etwas verdattert bin ich fast froh, wieder an die frische Luft zu kommen, unter den echten Himmel Gottes, frei von halbnackten Muskelgestalten.

Vielleicht ist die Irritation das ehrlichste Ergebnis eines Besuchs zweier muslimischer Augen im Vatikan. Doch bleibt es eine produktive Irritation, mit einem Hauch stiller Bewunderung.