Abgesang in Winter-Ruinen

von Tarek Sourani

Straßen, die man täglich hin und zurück geht. Viel befahrene, schmutzige Straßen. Dazu lange Häuserzeilen zu beiden Seiten, die dünne Bürgersteige verschatten. Vorbei an alten Fabrikgeländen, heruntergekommenen Innenhöfen, verlassenen Tankstellen. Entmutigende Spuren: absterbende Bäume, und abgasstaubige Fenster. Am Straßenrand steht der Glaube, wo er seit einiger Zeit wohnt, von gleicher Geltung wie eine Pfütze an einem regnerisch grauen Januartag. Schwer zu sichten, schwer zu folgen.

Ausnahmelos hat die Banalität Herrschaft übernommen und uns unterworfen. In einem jeden von uns herrscht die nietzscheanische Wüste. Ist da jemand, in dessen Wasser nicht Sinnloses und Banales hineingemischt worden ist? Niemand, dem schon mal der Horizont der Vergeblichkeit aufgetan wurde? In großen Lettern schreibt die Vertrübung, als Folge der Vergeblichkeit, das Missmutige schwer in die Gesichter. Nebensächliches gewinnt die Oberhand. Die Unhöflichkeit hält es mit dem nackten Vorteil. In mir regt sich Revolte. Ich spreche das religiöse Wort. Es ist in den Wind hineingesprochen. Überflüssig, Fabel der Früheren, Spiegel des Absurden, Opium und so weiter.

Man verschloss sich der Annäherung über unser Hier-Sein, man erfror und wurde Erbe der alltäglichen Verwicklungen. Berechnung, Verwertung und Wachstum - wie im Kleinen so im Großen. Amen. Der Rahmen wurde enger, das Rätsel wandte sich ab. Die Verzauberung zog sich unsichtbar in unbekannte Schächte zurück. In denkbar weiter Ferne lebten wir nun, die Verdrossenen, zum Kontinent des Lebens. Im Leib nahm das Mürrische seinen Platz, gefolgt von der Lieblosigkeit als treuer Gefährtin. Das Nützliche gedeiht unter Verachtung alles Nutzlosem. Dazu mischt sich ein Zynismus, der sich mit seinen erbarmungslosen und kalten Krallen um alles klammert, was noch Wärme, Herz und Sehnsucht bekennt. Schulterzucken in der Winterlandschaft. Schmatzen des Kaugummis. Die Heizung steht auf null.

Ich kenne mich jetzt aus, bin erwachsen geworden, Realist, mit einer Handvoll Pragmatik, unfähig zu fabulieren. Ein verängstigter Knecht mit seinem Kniefall vor den Konventionen und dem kleinlauten Beigeben. Das deutsche Rezept für das gute Leben: Ehevertrag, Festanstellung, Rentenversicherung, Wellness-Urlaub. Wenn die Konversation mit „Stress“ beginnt und mit „viel zu tun“ endet. Wenn sich das erste vorgetäuschte Lächeln in der stickigen Büroluft als Freundlichkeit ausgibt. Vielleicht schiebt da einer die berühmte Lebenslauffrage hinterher - „War das alles?“ Ja, das war vielleicht alles, vielleicht haben wir es so gewollt. Der praktisch Veranlagte verdammt den leichten Schwärmer, der so spricht: “Was soll so ein Lied auf die Ungeschickten?”

“Dann aber trifft (der Einzelne) auf die rohe Welt, und um auf sie zu wirken, muss er sich ihr gleichstellen; hierdurch vergibt er aber jenen hohen Vorzügen gar sehr, und am Ende begibt er sich ihrer gänzlich. Das Himmlische, Ewige wird in den Körper irdischer Absichten eingesenkt und zu vergänglichen Schicksalen mit fortgerissen.”
(Goethe, Dichtung und Wahrheit, dritter Teil, 14. Buch)