Schädelkastenvoyeur

Von Leonard Sezgin-Just

Die Großstadtschlote in der Ferne grimmen, Alltagsnebel drückt sich auf die Straßen; auf den Plätzen, an den Trassen, ganz wie gestern, hört man Schritte schlagen. Stuckfassaden prangen von der Hauswand auf die Stadtinsassen nieder, herab auf die eifrig trottenden. Das Klackern der aberdutzend Schuhabsätze, die hier das Pflaster behämmern, würde von den fein ornamentierten Sandsteinfassaden widerhallen, wäre da nicht die allesdurchdringende Lärmkulisse des Verkehrs und Menschengebrabbels, die sich wie ein Teppich über alles andere legt. Ein dichtgewebter, robuster, über Jahre plattgetretener Teppich aus kräftigen Fasern, ein Teppich, der gut dazu geeignet wäre, eine Leiche darin einzuwickeln. Die Plätze der Stadt verströmen eine Stimmung, die der des ausladenden Salons eines verdächtig zuvorkommenden Landadeligen gleicht, der seine Gäste den ganzen Abend über mit lauter Schmeicheleien und Naschereien und Spirituosen bezirzt, nur um sie am Ende allesamt mit seinem Kerzenständer totzuschlagen und in seinen gigantischen Wohnzimmerteppich zu wickeln. Die Wohnzimmerhaftigkeit und der gefährliche Aristokrat können mir jedoch ganz gleichgültig sein, schließlich bin ich vollkommen unbefangen, lasse alles Verfängliche an mir abperlen, ganz so wie die aalglatte Multifunktionsjacke des in unbeholfener Eile durch den Abend hechtenden Familienvaters die zaghaften Regentropfen abperlen lässt. Ganz erwartungsgemäß, das Praktische siegt. Warum sollte man sich auch hervorwagen und seinen Leib den niederfallenden Tropfen preisgeben?

Dann doch lieber Rückzug ins Selbst, in die praktische Behaglichkeit der eignen Mauern. Wo die Menschen mit ihrem Kopf noch nicken oder ihn schütteln, als ob sie noch irgendetwas zu vermelden hätten, habe ich längst Einsehen gehabt und trage meinen Schädelkasten nun nur noch im Gehen leicht wippend, aber ansonsten vollkommen aufrecht und reglos, durch die Straßen. Hinter dem Plexiglas, durch das ich aus meinem Schädel auf das Stadttreiben blicke, sitzt ein unbeteiligter Beobachter, ein asketischer Voyeur. Er schaut gerne anderen Menschen nach, aber nicht aus Interesse oder Lust, auch nicht sublimster. Was sollten die Leute ihn auch angehen, ihn, der er auf der anderen Seite sitzt? Was lohnte auch Zappeln wie ein Fisch, das tun ja selbst die Fische gewöhnlich nicht. Bis vielleicht auf diejenigen unglücklichen Exemplare, die sich im Gaststättenaquarium durch ihr Am-Leben-Sein frisch halten, was ja an sich eine gute Sache ist, schließlich heißt Frische Leben, dann aber im Angesicht des Koches sich doch nicht mit ihrem baldigen Verzehrtwerden anfreunden wollen. Gewöhnliche Fische, jenseits gastronomischer Fährnisse, sind da ganz anders, treiben still und unbefangen im Wasser, wahlweise im Ozean oder im Goldfischglas, und beobachten ihre Umgebung in einer steten unaufgeregten Teilnahmslosigkeit. Ganz gleich der unverfängliche Schädelkastenvoyeur. Zweifellos passt er am besten in sein Habitat, er huscht so reibungslos um seine Großstadtstraßenecken. In unnötige Aufregung gerät er nie, die Krisenstimmung der Menschen teilt er nicht.

Die Häuserschluchten sacken zusammen, als wollten die Giebel sich widerwillig und kraftlos den Gruß entbieten. Ihre Verabredung, das Fußvolk zu verschlucken, kriegt von unten keiner mit. Verheerung droht. Doch der innere Beobachter bleibt unbefangen. Schließlich hält ihn der Plexiglaskasten in sicherer Verwahrung und Distanz.