Unsere Herzen sind Krank

von Hilal Sezgin-Just

In welch entfremdeten Zeiten wir doch leben, in einer Epoche, in der wir Angst davor haben, an den Tod zu denken, geschweige denn ihn auszusprechen. Tod. Der kühle, kurze Klang des Begriffs allein reicht aus, um uns einen unheimlichen Schauer über den Rücken laufen zu lassen, um in uns ein Unbehagen auszulösen, das es zu bändigen, ja fast zu überwinden gilt; denn wenn der Mensch anfängt darüber nachzusinnen, wie vergänglich und klein er auf dieser Erde ist, welch kurzes Zeitfenster er auf diesem Planeten zu verweilen hat, wenn er begreift, dass die Welt sich auch ohne ihn gedreht hat und auch ohne ihn drehen wird, so können diese Gedanken, ja so kann diese Begegnung mit der nackten Wahrheit ein Feuer im menschlichen Körper herbeiführen, das nur sehr schwer zu kontrollieren ist; bloß nicht an den Tod denken, sondern leben, sich entfalten, heißt die Devise also, die Devise des modernen Menschen. Welch Irrweg.

Unsere Herzen sind krank. Unsere Seelen schreien nach Balsam, nach Heilung - und doch sind wir zum Schweigen verpflichtet. Wir haben Ängste, Sorgen, Panik. Vor Verlust, vor Krankheiten, Einsamkeit und vor dem Tod. Aber wir müssen schweigen. Das rationale Zeitalter hat die Psychoanalyse hervorgebracht, Kategorien entwickelt, nach denen psychische Sorgen und Ängste differenziert und geordnet werden, hat Krankheitsbezeichnungen eingeführt- aber uns den Raum geraubt, in dem wir über diese inneren Abgründe sprechen können. Die Gedanken werden pathologisiert und kategorisiert und hinter verschlossenen Türen durch Psychologen behandelt.  In gesellschaftlichen Zusammenkünften über existenzielle Emotionen zu sprechen ist ein Tabu, und auch in der digitalen Welt präsentieren wir meist ausschließlich unsere glücklichsten Momente. In den sozialen Medien veranstalten wir einen Wettbewerb um die Frage, wer glücklicher ist.

Über den Tod spricht man nicht, denn sobald Gedanken ausgesprochen sind, werden sie real, der Raum wird mit ihrem Klang erfüllt.  Emotionen werden in die Sphäre des Künstlerischen, des Religiösen, des Esoterischen gedrängt und werden höchstens als Randthemen in Zeitungen, als Sensationen in Dokumentarfilmen oder in Serien dargeboten, um Zuschauerzahlen und Klicks zu generieren. Denn mit Emotionen lassen sich Geschäfte machen, sowohl in der Politik als auch in den Medien. Die Menschen möchten eigentlich über Emotionen und Ängste sprechen, aber viele fühlen sich an den Rand gedrängt. Leider gilt das auch für eine Vielzahl an muslimischen Familien und Gemeinschaften.

Wer nämlich Angst vor dem Tod hat, dem wird Schwäche des Imans, des Glaubens, vorgeworfen. Wer Sorgen und Kummer hat, der gilt als undankbar. Weder in der Öffentlichkeit, noch in der Gemeinschaft kann man dann noch Emotionen zeigen.

Viele Betroffene und Angehörige fühlen sich im Stich gelassen und machtlos. Immer stärker nehmen wir psychische Probleme in unserem Umfeld wahr und hoffen instinktiv, dass es uns nicht ereilt. Dostojewski schreibt dazu in „Schuld und Sühne“:

„ […] einer nach dem anderen drängten sie [die Zimmernachbarn] sich wieder zur Tür mit jenem seltsamen Gefühl innerer Befriedigung, das jeder empfindet, wenn einem anderen, und sei es selbst einem nahestehenden Menschen, ein jähes Unglück zustößt, und von dem ohne Ausnahme niemand von uns frei ist, seine Anteilnahme und sein Mitleid mögen so aufrichtig sein, wie sie wollen.“

Wenn der Mensch in seine Machtlosigkeit  angesichts der unvorstellbaren Unendlichkeit der Schöpfung blickt, gibt es kein zurück: Gefangen ist er in seinen Gedanken und Ängsten, die ihre Arme um seinen Körper schlingen. Es zeugt von unglaublicher Stärke, in diesem Gefängnis von Gedanken einen Umgang mit sich selbst zu finden, sich darin lieben zu lernen. Die eigentliche Schwäche ist es, den Tod für fern zu erachten, ihn als etwas wahrzunehmen, das zu bedenken erst irgendwann im hohen Alter angemessen ist. Dabei ist der Tod omnipräsent; nirgendwo und zugleich überall. Es zeigt nicht Schwäche, Gedanken daran zu verlieren, dass es ihn gibt; es zeugt vielmehr von Stärke, einen Umgang in diesem Bewusstsein zu finden und seine Gedanken sprechen zu lassen. Es zeugt von Größe und Reife, ihn aus einer Distanz zu betrachten und ihn gleichzeitig in die Arme zu schließen, wenn er uns irgendwann ereilt. Ihn – wenn es so weit ist – triumphierend und offenherzig zu empfangen und lächelnd zu begrüßen. Schließlich machen die Vergänglichkeit des Menschenlebens und die Unvermeidlichkeit des Todes jenes kleine Zeitfenster, in dem der Mensch auf diesem Planeten verweilen darf, so besonders und so kostbar.