Über Gotteshäuser auf entlegenen Berggipfeln

Von Leonard Sezgin-Just

Stunden fährt man vom nächstgelegenen Dorf aus, immer höher in die Berge schlängeln sich die Straßen. Dichter grüner Baumbestand lichtet sich mit der Zeit, irgendwann wird die Luft so dünn, die Temperaturen so frisch, dass man gar keine Pflanzen mehr sieht; einzig noch karge Felslandschaften. Wenige Bauern und Hirten, die den Anschein erwecken, hier schon seit Urzeiten zu finden zu sein, haben auf diesem Flecken Erde noch ihre Hütten und Weiden, die sie den Sommer über bewohnen. Im Winter wird es auch ihnen zu unwirtlich, und sie fliehen vor Kälte und Schnee in die umliegenden Dörfer und Städte.

Von hier aus schlängelt sich die Straße noch eine Weile serpentinenartig den felsigen Berg hinauf. Irgendwann ist kein Weiterkommen mehr und man muss die letzte Viertelstunde zu Fuß über felsiges Gestein kraxeln. Dann sieht man das Gebäude, groß nur wie eine Hütte, mit bescheidenem Turm den höchsten Punkt des Berges bedecken. Höher geht es nicht mehr. In beharrlicher Schweißarbeit hat man hier den spitzen Felsen eine ebene Fläche abgetrotzt, mit unzähligen Holzplanken einen Unterbau geschaffen. Nicht mehr als mannshoch reichen die Wände, lediglich die Fläche eines durchschnittlichen Klassenzimmers umschließen sie. Nicht nur das äußere Gebäude, auch die Inneneinrichtung wirkt wie selbstgeschnitzt, ja, wie provisorisch.

Im Kontrast zu der weiten, erhabenen, einschüchternden Umgebung, zu den mondähnlich dahingestreckten Hügelketten, die sich bis in den Horizont ziehen, im Kontrast dazu wirkt diese Gebetshütte geradezu klapprig. Der Berg scheint den Menschen hier nur auf Zeit zu dulden, ihm kurz innehaltend einen Moment der Ruhe zu gewähren, bevor er ihn wieder bebend und stürzend abwirft. Nichts erscheint hier wohnlich, nichts stimmt heimelig – Heimat mag überall liegen, aber nicht hier.

Und doch schenkt einem die innere Ruhe dieses Ortes ein eigenartiges Gefühl der Beheimatung, des Angekommenseins. Das scheint nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu stehen zu der Gewaltigkeit der archaischen Urlandschaft, die sich um einen herum in allen Himmelsrichtungen erstreckt und einem die Nichtigkeit der eigenen menschlichen Behausung auf Erden vor Augen führt. Wie ein Sinnbildnis scheint hier alles zurechtdrapiert, ein Gleichnis für die existenzielle Heimatlosigkeit des Menschen in dieser Welt. Aus der Einöde werden wir geboren, zu ihr kehren wir zurück, nur eine kurze Frist der Lebenszeit gewährt uns die Illusion der Beheimatung; so scheint es.

Man ist auf sich selbst zurückgeworfen. Auf sich selbst, auf diesen kleinen Flecken Erde, dieses kleine Gotteshäuschen aus einfachem Holz mitten in der Einsiedelei. Das Gefühl der Beheimatung, das hier entsteht, kommt aus dem Selbst, erwächst aus der Begegnung mit sich selbst. Just das Gewahrwerden, dass nichts Äußeres, Weltliches einem je wirkliche, währende Heimat werden kann, just diese Erkenntnis lässt einen an Orten wie diesem den süßen Geschmack wirklicher Beheimatung schmecken: die Beheimatung in sich selbst, im Gebet, und – so man denn glaubt – in Gott. Während man eigentlich an keinem Ort weniger zuhause sein könnte als hier, auf dieser unwirtlichen, sturmumbrausten Bergspitze, kann man hier doch das wahrste Zuhause-Sein überhaupt erspüren – man ist hier, im Hier und Jetzt, in dem Moment am rechten Ort, in sich selbst daheim.