Es gibt kein Draußen

Von Leonard Sezgin-Just

Sie sagen Gott ist nicht
Und verstehen nicht wovon ich rede
Und wundern sich im Stillen,
Wie ich in einem morschen Hause wohnen kann.
Ist es nicht eine Ruine?
Mit „Bet!“ und „Fast!“ und „Gott ist groß!“,
Im Ton der Väter der Semiten,
Deren Bärte schütter sind.
Doch wer nie in diesem Haus gelebt,
Und wohnt in unbehausten Weiten,
Kann nicht verstehen, dass für mich
Das Haus die Welt ist.
Es gibt kein Draußen.
Nicht im Haus sein hieße nicht sein,
Meine Wände heißen Norden, Süden,
Osten, Westen: Richtungen der Wirklichkeit.
Wo nichts wirklicher als Gott,
Ist die Wohnstatt in seinem Haus
Das allerwahrste Sein.
Und ging ich raus hörte ich auf.

Auf verlorenem Posten

von Leonard Sezgin-Just

Ein fiktives Gespräch in den Fachschaftsräumen eines geisteswissenschaftlichen Universitätsinstituts

Du bist also religiös? 

– Ja, kann man so sagen. Mir ist der Bezug zu dem Größeren, das mich umfasst, wichtig. Ohne könnte ich nicht leben. 

Aber wie kommt es dazu? Deine Eltern sind wahrscheinlich gläubig, und du möchtest diese Tradition fortführen. Das kann ich verstehen, schließlich möchte man wissen, wo man herkommt. 

– Nein, nichts dergleichen. Mein Glaube ist komplett eigenständig gewählt, manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich dabei eher mit meiner familiären Tradition breche.

Okay, krass. Naja, manche Menschen sind halt religiös musikalisch gestimmt. Ist ja auch okay, wir haben ja alle unsere speziellen Bedürfnisse. Ich kann mir mein Leben auch nicht ohne Musik vorstellen. Wenn ich im Club bin, kann das manchmal schon ziemlich übernatürlich werden. Irgendwie ist das ja auch quasi ein religiöses Bedürfnis (lacht…). 

– Siehst du, wir haben dieses Bedürfnis, über uns selbst hinaus zu gehen. Ich glaube, dass jeder Mensch diese religiöse Musikalität in sich trägt… Aber natürlich muss jeder selbst wissen, was er will. Ich bin nur überzeugt, dass die Religion große Wahrheiten birgt und jedem Menschen etwas zu sagen hat.

Aber die traditionellen Religionen… Da kann ich echt nichts mit anfangen, das sind doch alles irgendwelche ideologischen Systeme, die sich Menschen vor Jahrhunderten ausgedacht haben, um sich ein Reim auf ihr Leben zu machen. Ich meine, klar, auch das ist irgendwie legitim. Aber in der Zwischenzeit sind wir doch weitergekommen als Menschheit, mittlerweile sollte man doch alles selbst hinterfragen können und nicht einfach vorgefertigte Sachen übernehmen. 

– Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Religion von Menschen erfunden wurde. 

Hat Gott etwa höchstpersönlich die Heiligen Schriften vorbeigebracht, und hat sich dann wieder aus dem Staub gemacht? (lacht…) 

– Also… Ich persönlich glaube, dass Gott sich bestimmten Menschen über so eine Art, naja, Inspiration mitteilt. Um uns zu sich zu rufen, um uns einen Weg zu ihm zu weisen. 

Ich weiß nicht. Wenn ich gutes Zeug rauche, krieg ich auch manchmal Inspirationen von oben… (lacht…) Aber sei’s drum. Ich finde es nur schwierig, wenn man mit seinen Offenbarungsschriften politische Unterdrückung und Gewalt rechtfertigt, weißt du? Die Religionen haben einfach in der Geschichte so viel Übel angerichtet.

– Aber wurden nicht gerade im letzten Jahrhundert die größten Menschheitsverbrechen von denjenigen Bewegungen begangen, die der Religion gänzlich abgeschworen hatten? Ich denke, man macht es sich zu einfach, wenn man alle Schuld nur auf die Religionen abwälzt. Die Menschen haben immer auch die Religion missbraucht für ihre eigenen Machtinteressen, aber das war dann eher der Mantel, in den sie ihre eigenen niederen Motive geschlagen haben. Man darf die Religion selbst nicht für ihre Instrumentalisierung verantwortlich machen! 

Gut, kann man so sagen. Ich persönlich bin ja gegen Form von Ideologie, dann haben wir auch nicht das Problem, dass Menschen sie missbrauchen können. Einfach frei denken, den anderen respektieren, keine Vorurteile haben. Wir müssen in der heutigen Zeit echt schauen, dass wir was gegen Schubladendenken und vorgefertigte Meinungen tun. Das ist doch die Wurzel allen Übels. Ich kann es gar nicht ab, wenn mir jemand mit Sexismus oder Homophobie oder Rassismus oder sonst irgendwelchen autoritären Vorstellungen von vorgestern kommt. Boah, da krieg ich echt das Kotzen. 

– Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen und ethnischen Minderheiten ist wirklich ein Problem, das sehe ich auch so. Da müssen wir was tun. Ich glaube, dass die Religion da durchaus ein emanzipatives Potential hat, die Menschen aufzuwecken und zu mehr Gerechtigkeit zu ermahnen. 

Denkst du wirklich? Ich sehe da nicht so viele Beispiele. 

– Doch, wirklich. Religion ermöglicht Solidarität, echte Solidarität. Weil die Bindung an eine höhere Macht einen aus seiner Selbstbezogenheit befreit, in der wir heute alle stecken. Heutzutage lebt jeder verschanzt in seinen Scheuklappen, arbeitet, um zu konsumieren und konsumiert, um zu arbeiten. Dabei schauen wir mit Argwohn auf unseren Nächsten, der entweder mehr hat als wir, dann beneiden wir ihn und wünschen uns, irgendwann auch so zu werden; oder wir sehen den, der weniger hat, dann sind wir heilfroh, nicht in seiner Haut zu stecken, und meiden jeden weiteren Kontakt. Ich sag dir ganz ehrlich, das ist die Wurzel von ganz vielen Übeln in der modernen Welt. Die Menschen sind in ihrem eigenen Herzen Gefangene. Nehmen wir zum Beispiel Rassismus, da steckt so viel Hochmut und Niedertracht und Kleingeistigkeit dahinter, kurz: Seelenkrankheit. Wenn die Menschen religiöser würden und dann die Ideale der Religion auch wirklich ernst nähmen, könnten sie so nicht weitermachen. Die Leute denken immer, die Religionslosigkeit, die Säkularität wäre neutral und hätte irgendwie eine weiße Weste. Das ist halt echt ein Irrtum. Säkularismus oder Laizismus, oder wie man es nennen mag, ist ebenso eine Ideologie wie alles andere, nur, dass in diesem Fall der Mensch nicht zum Guten getrieben wird, sondern zum Niederen, zur Selbstbezogenheit, Engherzigkeit und Gier. Vor allem zur Gier: Den Kult des Materialismus konnte der Kapitalismus in die Herzen der Menschen nur einpflanzen, weil sich zuvor die Religionen aus diesen zurückgezogen hatte… 

Das klingt ja alles wirklich spannend, ich bin da voll auf deiner Seite, wenn es um die Kritik am Materialismus und Egoismus geht. Wir Menschen in der heutigen Welt werden von dem System um uns herum abgerichtet, wir können uns daneben fast gar nichts mehr vorstellen. Hab da letztens bei Foucault spannende Sachen drüber gelesen, der analysiert das echt gut. Aber was willst du sonst machen, willst du etwa den Säkularismus abschaffen? Das hat sich gerade fast so angehört, ziemlich radikal, Mann. Am Ende landen wir bei Verhältnissen wie im Iran oder in Saudi-Arabien oder wie im Mittelalter. Da habe ich nun wirklich auch keine Lust drauf, dafür ist mir meine Freiheit, die ich hier genieße, zu viel wert. 

– Davon habe ich nie gesprochen. 

Naja, belassen wir’s dabei. Ich kann dich mit deinem Religionszeug zwar nicht verstehen, aber zumindest bist du nicht so wie diese frommen Vollidioten, die anderen ihren Glauben aufzwingen wollen. Dann ist es ja auch voll okay religiös zu sein, kann ja jeder selbst entscheiden. 

– ... 

Nachwort aus der Regie:

Wir, die religiös Bekennenden, stehen im universitären Kontext, vor allem in den Fächern der Humanities, auf verlorenem Posten. Man versucht seine Religiosität nach Möglichkeit zu verbergen, und da, wo es nicht mehr möglich ist, gerät man schnell in einen Rechtfertigungszwang, eine apologetische Mentalität, die sich über die Zeit auch im eigenen Kopf einnistet. In die argumentative Rolle des Glaubensmenschen verwiesen tanzt man als verfemter Teufel der säkularen Wissensordnung auf den glühenden Kohlen der spöttelnden Religionskritik einen Eiertanz um die eigene Achse. Wenn uns dabei irgendwann schwindelig werden sollte, müssten wir überlegen, ob es nicht ratsam wäre, im Tanze kurz innezuhalten und uns zu fragen, vor welchem Publikum eigentlich wir dieses Kunststück aufführen.

Mit muslimischen Augen hinter vatikanischen Mauern

von Leonard Sezgin-Just

Die majestätischen Mauern des Vatikans erheben sich über dem wuseligen Stadtbild Roms, scheinen in ihrer wuchtigen Unverrückbarkeit schon ewig hier zu thronen. Umspült von morgendlicher Frische schlagen sie einem auf dem erstaunlich langen Fußweg vom Petersplatz hin zum Eingang der Vatikanischen Museen unvermittelt seitlich entgegen. Unsere gehetzten, noch leicht unbeholfenen Schritte schmiegen sich gleichsam an ihren verwinkelten Lauf. In seiner wehrhaften Erhabenheit hält mich dieses Bollwerk gegen die profane Außenwelt in einem Bann der Ehrfurcht, scheint mir unverblümt sagen zu wollen: Hier ist kein Überwinden, kein Überklimmen, was in der äußeren Welt ist, bleibe draußen, was in der inneren, sei dort behütet. Geradezu hermetisch, so drängt es sich mir auf, ist hier der sakrale Kosmos, das Herz der Christenheit, von der sündhaften Außenwelt abgeriegelt. Am Museumseingang angelangt, geht es dann indes erstaunlich schnell und unkompliziert, die Welten zu wechseln, die Pforte zu durchschreiten und sich schließlich auf der anderen Seite der Mauer wiederzufinden. Unmengen von Touristen wuseln durch die Eingangshalle des Museums, wie an einem Flughafen scheinen sie in angespannter Erwartung nach Orientierung zu suchen. Meine Vorstellungen der ummauerten Heiligkeit werden unversehens der menschlichen – schlimmer noch: der touristischen Profanität preisgegeben. Vorgewarnt ob der bevorstehenden physischen und psychischen Strapazen, beginnen wir so unsere Tour durch den gewaltigen Museumskomplex, schlängeln unsere Schritte durch die diversen Ausstellungen und schieben uns gebannt an der schieren Unzahl einzigartiger Gemälde vorbei.

Die Tiefe und Drastik der dargestellten Gesichtsausdrücke lässt mich immer wieder erschaudern, verwundern, entzücken. Kreischende Verzweiflung, stolze Erhabenheit, mütterlichste Sanftmut. All diese Eindrücke prasseln ungefiltert auf den Besucher ein, beschießen ihn geradezu salvenartig mit den tiefsten Abgründen und höchsten Blüten des Menschseins. Mein Blick bleibt hängen bei der Pieta des Carlo Crivelli, auf dem der zu Tode gematerte Jesus mit eingefallenen Gesichtszügen zwischen Mutter, Maria Magdalena und Johannes dem Evangelisten sitzt. Das Wehklagen der drei fährt einem wie ein Stich durchs Herz, Johannes schreit voll qualvoller Verzweiflung gen Himmel, scheint seine Trauer in aller theatralischen Drastik nach außen kehren zu wollen, Maria Magdalena greift schluchzend nach der leblosen Hand Jesu, wimmernd und schniefend den Kopf nach unten gerichtet. Einzig Maria scheint die Kontenance zu wahren, doch ein Blick in ihr betagtes, von einem türkisenen Kopftuch gerahmtes Gesicht, lässt den Gefühlsstrudel erahnen, der ihr Herz fast zum Bersten bringt. Ich glaube, ich habe noch nie zuvor ein derart würdevolles, ja anmutiges Trauern gesehen, einen allertiefsten Gram, der zugleich von der allerhöchsten Liebe durchdrungen wird und der Mutter, die gerade ihr Kind verloren hat, einen gütigen, versonnenen Blick und die Ansätze eines schlaffen, doch tiefgläubigen Lächelns ins Gesicht legt. Als Muslim sind mir Kreuzestod des Verflossenen und Gottmutterschaft der Betrauernden natürlich befremdlich und unverständlich, ja anmaßend; aber doch spüre ich eine starke Verbindung zu der hier dargestellten Maria. Der Koran beschreibt Maria als eine vorbildhafte Frau der Reinheit und der Mutterschaft, des Glaubens und der Hingabe. Und genau das ist es, was ich in Crivellis Bild sehe: Würde in unerschütterlicher Hingabe. 

Wenige Schritte weiter verflüchtigt sich meine affirmative Bewunderung der christlichen Bildwelt jedoch schnell wieder und weicht der üblichen Irritation über Vergöttlichung des Menschlichen und Vermenschlichung des Göttlichen. Was sich mir jedoch zuvorderst immer wieder aufdrängt: Anzüglichkeiten. Verhohlene, implizite, kaschierte – aber doch: Anzüglichkeiten. Oft schon habe ich mich gefragt, ob mein Gehirn einfach zu pervers und verkommen ist, dass ich allenthalben Erotik und Schlüpfrigkeit in eigentlich frommen und sittsamen Motiven wittere. Doch nun endlich erfahr ich Erleichterung: Dieses Bild kann wirklich niemand nicht-anzüglich deuten. In Mariani Di Austerio Da Perugias Gemälde „Madonna mit Kind und Heiligen“ schlägt einem die geballte Ladung Fleischlichkeit entgegen. Ein Heiliger errötet mit verschmitztem Lächeln, ein anderer wirkt benommen bei dumpfem Schlafzimmerblick, und sogar Johannes der Täufer entblößt dem Betrachter seinen frivolen Hüftschwung. Inmitten all dessen spreizt das Christuskind auf Mariens Schoß seine Beine, umrahmt von einer fleischernen Säule aus nackten Putten. 

Richtiggehend verstört von diesem zugegebenermaßen extremen Beispiel, kann ich den Rest der Vatikanischen Museen durch keine andere Brille mehr sehen: Überall Fleisch, wo doch eigentlich Geist seien sollte. Auch wenn ich alles andere als ein Fleischesfeind bin, beginne ich mich doch zu fragen, ob mir diese Form sakraler Kunst als Gläubiger wirklich eine Verbindung zu Gott ermöglichen würde. Das einzige, was sie bei mir hervorruft: Irritation. 

Und so lasse ich mich weiter treiben durch die Ausstellungsräume, lasse mich berieseln und ergreifen, faszinieren und anwidern. Schließlich landen wir in der Sixtinischen Kapelle, dieser bombastischen Symphonie aus Bibelszenen, die einen auch nach Minuten nicht wissen lässt, wo man hingucken soll. Das Deckenfresko des Michelangelo hält einen besonders gefangen, seinen Gravitationspunkt findend im weltberühmten Motiv der Erschaffung Adams. Ich bin schon viel zu perplex und reizüberflutet, um an der rauschebärtigen Gottesgestalt nennenswerten muslimischen Anstoß zu nehmen, finde kaum mehr als ein müdes Lächeln für die Vorstellung von Allah als einem sich in mythologischem Gestus aus Fleischstrudeln windenden Übervater. Vielmehr lenken die anderen Körper der Decke, besonders aber auch der Altarwand des Jüngsten Gerichts meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie alle wirken auf eine groteske Art heroisch aufgepumpt, erinnern mich unfreiwillig an die germanischen Recken der nationalsozialistischen Propagandakunst. Selbst der sonst so zarte Jesus tritt als muskelbepackter Heros auf, sodass ich ihn zuerst lange nicht erkenne, ja nicht erkennen will. Mit ihren theatralisch ausladenden Gesten, die teils in neckische Posen abgleiten, scheinen die Menschenberge in ihrer Gesamtheit eine feierliche Affirmation der epischen Gesamtszenerie darbieten zu wollen. Als würden sie ausrufen: Sehet, von welcher Gewaltigkeit diese Schöpfung ist! Das Pathos dieser Lobpreisung imponiert mir als Muslim dann doch wieder, wenn auch auf eine ungekannte Art.

Allein diese Leidenschaft vermag mich nicht mehr anzustecken. Bei mir bleibt vordergründig: Irritation. Fleischberge an der Decke, Fleischberge an der Wand, Fleischberge auf dem Boden, in Form von verschwitzten Touristenmassen, die sich sukzessive durch die Räumlichkeiten schieben. Doch etwas verdattert bin ich fast froh, wieder an die frische Luft zu kommen, unter den echten Himmel Gottes, frei von halbnackten Muskelgestalten.

Vielleicht ist die Irritation das ehrlichste Ergebnis eines Besuchs zweier muslimischer Augen im Vatikan. Doch bleibt es eine produktive Irritation, mit einem Hauch stiller Bewunderung.

Abgesang in Winter-Ruinen

von Tarek Sourani

Straßen, die man täglich hin und zurück geht. Viel befahrene, schmutzige Straßen. Dazu lange Häuserzeilen zu beiden Seiten, die dünne Bürgersteige verschatten. Vorbei an alten Fabrikgeländen, heruntergekommenen Innenhöfen, verlassenen Tankstellen. Entmutigende Spuren: absterbende Bäume, und abgasstaubige Fenster. Am Straßenrand steht der Glaube, wo er seit einiger Zeit wohnt, von gleicher Geltung wie eine Pfütze an einem regnerisch grauen Januartag. Schwer zu sichten, schwer zu folgen.

Ausnahmelos hat die Banalität Herrschaft übernommen und uns unterworfen. In einem jeden von uns herrscht die nietzscheanische Wüste. Ist da jemand, in dessen Wasser nicht Sinnloses und Banales hineingemischt worden ist? Niemand, dem schon mal der Horizont der Vergeblichkeit aufgetan wurde? In großen Lettern schreibt die Vertrübung, als Folge der Vergeblichkeit, das Missmutige schwer in die Gesichter. Nebensächliches gewinnt die Oberhand. Die Unhöflichkeit hält es mit dem nackten Vorteil. In mir regt sich Revolte. Ich spreche das religiöse Wort. Es ist in den Wind hineingesprochen. Überflüssig, Fabel der Früheren, Spiegel des Absurden, Opium und so weiter.

Man verschloss sich der Annäherung über unser Hier-Sein, man erfror und wurde Erbe der alltäglichen Verwicklungen. Berechnung, Verwertung und Wachstum - wie im Kleinen so im Großen. Amen. Der Rahmen wurde enger, das Rätsel wandte sich ab. Die Verzauberung zog sich unsichtbar in unbekannte Schächte zurück. In denkbar weiter Ferne lebten wir nun, die Verdrossenen, zum Kontinent des Lebens. Im Leib nahm das Mürrische seinen Platz, gefolgt von der Lieblosigkeit als treuer Gefährtin. Das Nützliche gedeiht unter Verachtung alles Nutzlosem. Dazu mischt sich ein Zynismus, der sich mit seinen erbarmungslosen und kalten Krallen um alles klammert, was noch Wärme, Herz und Sehnsucht bekennt. Schulterzucken in der Winterlandschaft. Schmatzen des Kaugummis. Die Heizung steht auf null.

Ich kenne mich jetzt aus, bin erwachsen geworden, Realist, mit einer Handvoll Pragmatik, unfähig zu fabulieren. Ein verängstigter Knecht mit seinem Kniefall vor den Konventionen und dem kleinlauten Beigeben. Das deutsche Rezept für das gute Leben: Ehevertrag, Festanstellung, Rentenversicherung, Wellness-Urlaub. Wenn die Konversation mit „Stress“ beginnt und mit „viel zu tun“ endet. Wenn sich das erste vorgetäuschte Lächeln in der stickigen Büroluft als Freundlichkeit ausgibt. Vielleicht schiebt da einer die berühmte Lebenslauffrage hinterher - „War das alles?“ Ja, das war vielleicht alles, vielleicht haben wir es so gewollt. Der praktisch Veranlagte verdammt den leichten Schwärmer, der so spricht: “Was soll so ein Lied auf die Ungeschickten?”

“Dann aber trifft (der Einzelne) auf die rohe Welt, und um auf sie zu wirken, muss er sich ihr gleichstellen; hierdurch vergibt er aber jenen hohen Vorzügen gar sehr, und am Ende begibt er sich ihrer gänzlich. Das Himmlische, Ewige wird in den Körper irdischer Absichten eingesenkt und zu vergänglichen Schicksalen mit fortgerissen.”
(Goethe, Dichtung und Wahrheit, dritter Teil, 14. Buch)

Schädelkastenvoyeur

Von Leonard Sezgin-Just

Die Großstadtschlote in der Ferne grimmen, Alltagsnebel drückt sich auf die Straßen; auf den Plätzen, an den Trassen, ganz wie gestern, hört man Schritte schlagen. Stuckfassaden prangen von der Hauswand auf die Stadtinsassen nieder, herab auf die eifrig trottenden. Das Klackern der aberdutzend Schuhabsätze, die hier das Pflaster behämmern, würde von den fein ornamentierten Sandsteinfassaden widerhallen, wäre da nicht die allesdurchdringende Lärmkulisse des Verkehrs und Menschengebrabbels, die sich wie ein Teppich über alles andere legt. Ein dichtgewebter, robuster, über Jahre plattgetretener Teppich aus kräftigen Fasern, ein Teppich, der gut dazu geeignet wäre, eine Leiche darin einzuwickeln. Die Plätze der Stadt verströmen eine Stimmung, die der des ausladenden Salons eines verdächtig zuvorkommenden Landadeligen gleicht, der seine Gäste den ganzen Abend über mit lauter Schmeicheleien und Naschereien und Spirituosen bezirzt, nur um sie am Ende allesamt mit seinem Kerzenständer totzuschlagen und in seinen gigantischen Wohnzimmerteppich zu wickeln. Die Wohnzimmerhaftigkeit und der gefährliche Aristokrat können mir jedoch ganz gleichgültig sein, schließlich bin ich vollkommen unbefangen, lasse alles Verfängliche an mir abperlen, ganz so wie die aalglatte Multifunktionsjacke des in unbeholfener Eile durch den Abend hechtenden Familienvaters die zaghaften Regentropfen abperlen lässt. Ganz erwartungsgemäß, das Praktische siegt. Warum sollte man sich auch hervorwagen und seinen Leib den niederfallenden Tropfen preisgeben?

Dann doch lieber Rückzug ins Selbst, in die praktische Behaglichkeit der eignen Mauern. Wo die Menschen mit ihrem Kopf noch nicken oder ihn schütteln, als ob sie noch irgendetwas zu vermelden hätten, habe ich längst Einsehen gehabt und trage meinen Schädelkasten nun nur noch im Gehen leicht wippend, aber ansonsten vollkommen aufrecht und reglos, durch die Straßen. Hinter dem Plexiglas, durch das ich aus meinem Schädel auf das Stadttreiben blicke, sitzt ein unbeteiligter Beobachter, ein asketischer Voyeur. Er schaut gerne anderen Menschen nach, aber nicht aus Interesse oder Lust, auch nicht sublimster. Was sollten die Leute ihn auch angehen, ihn, der er auf der anderen Seite sitzt? Was lohnte auch Zappeln wie ein Fisch, das tun ja selbst die Fische gewöhnlich nicht. Bis vielleicht auf diejenigen unglücklichen Exemplare, die sich im Gaststättenaquarium durch ihr Am-Leben-Sein frisch halten, was ja an sich eine gute Sache ist, schließlich heißt Frische Leben, dann aber im Angesicht des Koches sich doch nicht mit ihrem baldigen Verzehrtwerden anfreunden wollen. Gewöhnliche Fische, jenseits gastronomischer Fährnisse, sind da ganz anders, treiben still und unbefangen im Wasser, wahlweise im Ozean oder im Goldfischglas, und beobachten ihre Umgebung in einer steten unaufgeregten Teilnahmslosigkeit. Ganz gleich der unverfängliche Schädelkastenvoyeur. Zweifellos passt er am besten in sein Habitat, er huscht so reibungslos um seine Großstadtstraßenecken. In unnötige Aufregung gerät er nie, die Krisenstimmung der Menschen teilt er nicht.

Die Häuserschluchten sacken zusammen, als wollten die Giebel sich widerwillig und kraftlos den Gruß entbieten. Ihre Verabredung, das Fußvolk zu verschlucken, kriegt von unten keiner mit. Verheerung droht. Doch der innere Beobachter bleibt unbefangen. Schließlich hält ihn der Plexiglaskasten in sicherer Verwahrung und Distanz.

Unsere Herzen sind Krank

von Hilal Sezgin-Just

In welch entfremdeten Zeiten wir doch leben, in einer Epoche, in der wir Angst davor haben, an den Tod zu denken, geschweige denn ihn auszusprechen. Tod. Der kühle, kurze Klang des Begriffs allein reicht aus, um uns einen unheimlichen Schauer über den Rücken laufen zu lassen, um in uns ein Unbehagen auszulösen, das es zu bändigen, ja fast zu überwinden gilt; denn wenn der Mensch anfängt darüber nachzusinnen, wie vergänglich und klein er auf dieser Erde ist, welch kurzes Zeitfenster er auf diesem Planeten zu verweilen hat, wenn er begreift, dass die Welt sich auch ohne ihn gedreht hat und auch ohne ihn drehen wird, so können diese Gedanken, ja so kann diese Begegnung mit der nackten Wahrheit ein Feuer im menschlichen Körper herbeiführen, das nur sehr schwer zu kontrollieren ist; bloß nicht an den Tod denken, sondern leben, sich entfalten, heißt die Devise also, die Devise des modernen Menschen. Welch Irrweg.

Unsere Herzen sind krank. Unsere Seelen schreien nach Balsam, nach Heilung - und doch sind wir zum Schweigen verpflichtet. Wir haben Ängste, Sorgen, Panik. Vor Verlust, vor Krankheiten, Einsamkeit und vor dem Tod. Aber wir müssen schweigen. Das rationale Zeitalter hat die Psychoanalyse hervorgebracht, Kategorien entwickelt, nach denen psychische Sorgen und Ängste differenziert und geordnet werden, hat Krankheitsbezeichnungen eingeführt- aber uns den Raum geraubt, in dem wir über diese inneren Abgründe sprechen können. Die Gedanken werden pathologisiert und kategorisiert und hinter verschlossenen Türen durch Psychologen behandelt.  In gesellschaftlichen Zusammenkünften über existenzielle Emotionen zu sprechen ist ein Tabu, und auch in der digitalen Welt präsentieren wir meist ausschließlich unsere glücklichsten Momente. In den sozialen Medien veranstalten wir einen Wettbewerb um die Frage, wer glücklicher ist.

Über den Tod spricht man nicht, denn sobald Gedanken ausgesprochen sind, werden sie real, der Raum wird mit ihrem Klang erfüllt.  Emotionen werden in die Sphäre des Künstlerischen, des Religiösen, des Esoterischen gedrängt und werden höchstens als Randthemen in Zeitungen, als Sensationen in Dokumentarfilmen oder in Serien dargeboten, um Zuschauerzahlen und Klicks zu generieren. Denn mit Emotionen lassen sich Geschäfte machen, sowohl in der Politik als auch in den Medien. Die Menschen möchten eigentlich über Emotionen und Ängste sprechen, aber viele fühlen sich an den Rand gedrängt. Leider gilt das auch für eine Vielzahl an muslimischen Familien und Gemeinschaften.

Wer nämlich Angst vor dem Tod hat, dem wird Schwäche des Imans, des Glaubens, vorgeworfen. Wer Sorgen und Kummer hat, der gilt als undankbar. Weder in der Öffentlichkeit, noch in der Gemeinschaft kann man dann noch Emotionen zeigen.

Viele Betroffene und Angehörige fühlen sich im Stich gelassen und machtlos. Immer stärker nehmen wir psychische Probleme in unserem Umfeld wahr und hoffen instinktiv, dass es uns nicht ereilt. Dostojewski schreibt dazu in „Schuld und Sühne“:

„ […] einer nach dem anderen drängten sie [die Zimmernachbarn] sich wieder zur Tür mit jenem seltsamen Gefühl innerer Befriedigung, das jeder empfindet, wenn einem anderen, und sei es selbst einem nahestehenden Menschen, ein jähes Unglück zustößt, und von dem ohne Ausnahme niemand von uns frei ist, seine Anteilnahme und sein Mitleid mögen so aufrichtig sein, wie sie wollen.“

Wenn der Mensch in seine Machtlosigkeit  angesichts der unvorstellbaren Unendlichkeit der Schöpfung blickt, gibt es kein zurück: Gefangen ist er in seinen Gedanken und Ängsten, die ihre Arme um seinen Körper schlingen. Es zeugt von unglaublicher Stärke, in diesem Gefängnis von Gedanken einen Umgang mit sich selbst zu finden, sich darin lieben zu lernen. Die eigentliche Schwäche ist es, den Tod für fern zu erachten, ihn als etwas wahrzunehmen, das zu bedenken erst irgendwann im hohen Alter angemessen ist. Dabei ist der Tod omnipräsent; nirgendwo und zugleich überall. Es zeigt nicht Schwäche, Gedanken daran zu verlieren, dass es ihn gibt; es zeugt vielmehr von Stärke, einen Umgang in diesem Bewusstsein zu finden und seine Gedanken sprechen zu lassen. Es zeugt von Größe und Reife, ihn aus einer Distanz zu betrachten und ihn gleichzeitig in die Arme zu schließen, wenn er uns irgendwann ereilt. Ihn – wenn es so weit ist – triumphierend und offenherzig zu empfangen und lächelnd zu begrüßen. Schließlich machen die Vergänglichkeit des Menschenlebens und die Unvermeidlichkeit des Todes jenes kleine Zeitfenster, in dem der Mensch auf diesem Planeten verweilen darf, so besonders und so kostbar.

Über den Zufall

Von Leonard Sezgin-Just

Gibt es Zufälle? Passiert alles, was uns widerfährt, einfach so, fällt es uns zu, ohne eine tiefere Bedeutung zu haben, in einem größeren Zusammenhang zu stehen? Als Gottgläubiger wird man wohl an einen wirklichen Zufall, an ein urheberloses Zusammenpurzeln der Realität, nicht glauben können. Nein, diese Vorstellung würde einem eher den Weg weisen in einen nihilistischen Materialismus, in die Verneinung aller ersten und letzten Sinnhaftigkeit. Darauf werden sich die Gläubigen wohl einigen, wird sich wohl jeder einzelne Gläubige mit sich selbst einigen müssen, der an einen Gott als Schöpfer, Urheber und Lenker dieser Existenz glaubt. Doch das ist nicht alles, unsere gegenwärtige existenzielle Konstellation ist mehr noch als ein beliebiger gottverursachter Würfelwurf. Jeder kleine Tupfer im Bild gibt unserem Dasein einen Teil seiner Bedeutung, ist eine für sich besondere Dimension, vervollständigt die jeweilige Momentaufnahme. Die Wolken, die sich am Himmel zu wunderlichen Gestalten winden, uns kurz aufblicken und innehalten lassen; der Dreck an der Wand in der U-Bahnstation, der wohl wahrlich nicht durch seine ästhetische Ansehnlichkeit besticht, unseren Blick aber fängt und uns kurz aufmerken lässt – all das ist Teil unseres Lebens, macht es in seiner Alltäglichkeit zu einem sinnhaften Unikat.

Zufall ist also auch das Allerbanalste nicht. Wenn wir nur empfänglich sind und lauschen, tut uns auch das Läppischste einen Sinn kund. Alles ist hingesetzt und ausgeformt, in den Zusammenklang der Existenz eingebettet; nichts ist „zugefallen“ oder lieblos hingeworfen. „Zufall“ ist ohnehin ein reichlich trostloses und kunstloses Wort, es nimmt dem So-und-nicht-anders-Sein seine Würde und Erhabenheit, seine Liebe und Tiefe. Und damit: seinen Trost. Denn wenn der Existenz ihr metaphysischer Kunstcharakter geraubt wird, spüren wir die Ferne des tröstenden Künstlers.

Über Gotteshäuser auf entlegenen Berggipfeln

Von Leonard Sezgin-Just

Stunden fährt man vom nächstgelegenen Dorf aus, immer höher in die Berge schlängeln sich die Straßen. Dichter grüner Baumbestand lichtet sich mit der Zeit, irgendwann wird die Luft so dünn, die Temperaturen so frisch, dass man gar keine Pflanzen mehr sieht; einzig noch karge Felslandschaften. Wenige Bauern und Hirten, die den Anschein erwecken, hier schon seit Urzeiten zu finden zu sein, haben auf diesem Flecken Erde noch ihre Hütten und Weiden, die sie den Sommer über bewohnen. Im Winter wird es auch ihnen zu unwirtlich, und sie fliehen vor Kälte und Schnee in die umliegenden Dörfer und Städte.

Von hier aus schlängelt sich die Straße noch eine Weile serpentinenartig den felsigen Berg hinauf. Irgendwann ist kein Weiterkommen mehr und man muss die letzte Viertelstunde zu Fuß über felsiges Gestein kraxeln. Dann sieht man das Gebäude, groß nur wie eine Hütte, mit bescheidenem Turm den höchsten Punkt des Berges bedecken. Höher geht es nicht mehr. In beharrlicher Schweißarbeit hat man hier den spitzen Felsen eine ebene Fläche abgetrotzt, mit unzähligen Holzplanken einen Unterbau geschaffen. Nicht mehr als mannshoch reichen die Wände, lediglich die Fläche eines durchschnittlichen Klassenzimmers umschließen sie. Nicht nur das äußere Gebäude, auch die Inneneinrichtung wirkt wie selbstgeschnitzt, ja, wie provisorisch.

Im Kontrast zu der weiten, erhabenen, einschüchternden Umgebung, zu den mondähnlich dahingestreckten Hügelketten, die sich bis in den Horizont ziehen, im Kontrast dazu wirkt diese Gebetshütte geradezu klapprig. Der Berg scheint den Menschen hier nur auf Zeit zu dulden, ihm kurz innehaltend einen Moment der Ruhe zu gewähren, bevor er ihn wieder bebend und stürzend abwirft. Nichts erscheint hier wohnlich, nichts stimmt heimelig – Heimat mag überall liegen, aber nicht hier.

Und doch schenkt einem die innere Ruhe dieses Ortes ein eigenartiges Gefühl der Beheimatung, des Angekommenseins. Das scheint nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu stehen zu der Gewaltigkeit der archaischen Urlandschaft, die sich um einen herum in allen Himmelsrichtungen erstreckt und einem die Nichtigkeit der eigenen menschlichen Behausung auf Erden vor Augen führt. Wie ein Sinnbildnis scheint hier alles zurechtdrapiert, ein Gleichnis für die existenzielle Heimatlosigkeit des Menschen in dieser Welt. Aus der Einöde werden wir geboren, zu ihr kehren wir zurück, nur eine kurze Frist der Lebenszeit gewährt uns die Illusion der Beheimatung; so scheint es.

Man ist auf sich selbst zurückgeworfen. Auf sich selbst, auf diesen kleinen Flecken Erde, dieses kleine Gotteshäuschen aus einfachem Holz mitten in der Einsiedelei. Das Gefühl der Beheimatung, das hier entsteht, kommt aus dem Selbst, erwächst aus der Begegnung mit sich selbst. Just das Gewahrwerden, dass nichts Äußeres, Weltliches einem je wirkliche, währende Heimat werden kann, just diese Erkenntnis lässt einen an Orten wie diesem den süßen Geschmack wirklicher Beheimatung schmecken: die Beheimatung in sich selbst, im Gebet, und – so man denn glaubt – in Gott. Während man eigentlich an keinem Ort weniger zuhause sein könnte als hier, auf dieser unwirtlichen, sturmumbrausten Bergspitze, kann man hier doch das wahrste Zuhause-Sein überhaupt erspüren – man ist hier, im Hier und Jetzt, in dem Moment am rechten Ort, in sich selbst daheim.

Meditation zu Rilkes „Ich lebe mein Leben“

von Leonard Sezgin-Just

Rainer Maria Rilke hat in seinem Stunden-Buch im Jahre 1899 ein zweistrophiges Gedicht geschrieben, das wie fast kein zweites in wenigen dichten und klingenden Worten meinen Blick aufs Leben zum Ausdruck bringt; tiefste Verlorenheit und tiefste Aufgehobenheit finde ich darin zugleich.

“Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.”

Wir leben unser Leben in Schichten und Ablagerungen, wie in Wachstumsringen eines Baumes, wir betreten Stufe um Stufe aufs Neue, und nach jeder vergangenen Sekunde ist das vorherige Sein schon unwiederbringlich Geschichte. So wachsen wir uns durchs Leben, vom ersten Moment nach der Geburt an bis zum letzten Atemzug auf dem Sterbebett. Geworfen sind wir in das Werden und jedes Sein wird in dem Moment, da wir es gewahren und es zu fassen versuchen, zu einem Nicht-mehr-so-Sein, zu einem Verflossenen. Vergangene Bilder leuchten in unseren Herzen fort, vergangene Zustände unseres Seins, die nur ihren Abglanz in die Zukunft hinfort gesandt haben: der erste Schultag, ein Picknick im Sommer, eine erhabene Nachtstunde, ein Gebet. All das schien, als es war, so selbstverständlich und real wie nichts sonst; doch es hat sich durch sein Vergangen-Sein in uns eingezeichnet, ist zu dem geworden, was wir sind. Oder sind nicht vielmehr wir zu dem geworden, was es war?

Die Ringe unseres Lebens legen sich über die Dinge, über all das Dingliche, dem wir in unserem Leben begegnen. Der Klassenraum mit seinem unverwechselbar muffigen Geruch, den wir am ersten Schultag zum ersten Mal betreten haben; der wildgewachsene Baum mit seiner grobkerbigen Rinde, an dem wir beim Picknick lehnten; der traurigschöne glühende Mond, in den in jener Nachtstunde unsere Blicke versanken; die magisch-angespannte Stille, die unser Gebet begleitete – all dies wird nie wieder so sein, wie es gewesen ist, wird für immer hinter uns liegen. Doch zugleich liegt es in uns, ist von den Ringen unseres Wachsens umschlossen und somit Teil von uns. Man könnte auch mit Hegel sagen: es ist aufgehoben, und zwar im dreifachen Sinne dieses besonderen deutschen Wortes. Zum einen ist es aufgelöst, annulliert, durch die Aufhebung verneint; nie wieder werden wir dessen greifhaft werden. Zum anderen ist es jedoch auch bewahrt und aufbewahrt, in unserem Gewachsen-Sein heben wir es auf. Zum dritten ist es jedoch auch emporgehoben und aufgewertet, in unsrem Werden auf eine neue Stufe gebracht.

Unser Wachsen ist also in ein ewiges Streben nach oben gebettet, wir werden mit jedem Ring ‘mehr’ als wir zuvor waren – allein schon aufgrund der Tatsache, dass das Vergangene in uns aufgehoben ist. Ohne uns dessen stets bewusst zu sein, streben wir nach einer Vollendung, nach einem letzten Ring, der uns Ganzsein schenkt und uns am Ziel ankommen lässt. Diesen mystischen Sehnsuchtsort werden auf Erden wir nie zu erreichen vermögen – unser Sein wird immer ein Unvollständiges, ein Werdendes bleiben, niemals wird sich der vervollkommnende Ring tatsächlich um uns legen. Und doch erheischen wir ihn, werden von seiner strahlenden Kraft fern am Horizonte angetrieben, erleben uns als Gezogene und Getriebene. In dieser existenziellen Erfahrung des Strebens zeigt sich uns eine Seite unseres Menschseins, unserer conditio humana, die uns gleichermaßen vertraut wie unerklärlich bleiben wird. Ohne jenes schemenhafte, lichtgestaltne Letzte, das wir erstreben, würde unser Leben erlahmen, würden wir im resignierten Dahinvegetieren steckenbleiben. Das Strebende ist das Öffnende, ja, das Erlösende. So lässt Goethe im Faust die Engel, die Faustens Seele gen Himmel tragen, verkünden: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Das Wort erlösen bringt hier wiederrum einen mehrschichtigen Sinn zum Ausdruck: Wir werden vom bisherigen Leben abgetrennt, das heißt abgelöst und losgelöst; zugleich löst sich damit aber auch die Enge und Gebundenheit des Weltlichen, Materiellen und Zeitlichen; dieser neue Zustand ist dann ebenso das Ergebnis, der Erlös, den wir erhalten als eine Spiegelung zu unsrem vorherigen irdischen Streben. Es ist das Versuchen des letzten Ringes im rund-umgreifenden Ganzen, auf das es ankommt; nicht auf das Vollbringen.

“Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.”

Nun verwandeln sich bei Rilke die Wachstumsringe in ein Umkreisen Gottes, des „uralten Turms“. Wo zuvor die Entwicklungskreise des Menschen um sein Selbst zentriert waren und nach außen zu wachsen schienen, ist nun das Werden nach innen gestülpt und auf Gott zentriert. In Gott, dem Erhabenen, nimmt das schemenhaft Leuchtende unseres letzten Ringes auf einmal konkrete Gestalt an: Gott ist der letzte, der innerste Ring, in dem sich alle Ringe auflösen, der eherne Turm, um den wir kreisen. Uralt, ewig ist dieser Turm, er war schon da vor all unseren Ringen, die wir in unserem Leben gezogen haben und die uns zu dem gemacht haben, der wir nun sind. Wenn wir dies realisieren, erscheint uns unser eigenes Kreisen als ein „jahrtausendelanges“; in allen bisherigen Augenblicken unserer Existenz, unserer Wirklichkeit, kreisten wir um diesen Turm – auch wenn wir es nicht immer gewahrten. Während alles sich verändert hat, alles, was einmal war, notwendig verflossen ist, ist der Turm stets derselbe geblieben; derselbe eherne, erhabene, ewige Turm.

Dieses Gewahrwerden lässt die Melancholie, die aus der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit unserer einzelnen Seinsmomente strömt, in ein Gefühl erhabenen Sinnes münden. Im Angesicht des ewigen Turmes, der sich in seiner Festigkeit und Höhe weithin sichtbar über das Land erhebt, werden wir, die wir um diesen kreisen, von unserer Selbstzentriertheit und Egomanie befreit – wir dürfen unser Streben fallen lassen in das große Ganze, in Gott. Das eigene Ich, das wir zuvor so gut zu kennen meinten, verliert seine klaren Konturen, entäußert sich im Angesicht Gottes. Die seelenhafte Substanz verdrängt das um sich selbst kreisende Ich und kann sich nur noch in vergeistigten, symbolhaften Bildern erblicken. Bin ich ein Falke, ein sonnenbeschienenes, entschlossen zupackendes Tier, das die Lüfte um den Turm durchfährt? Bin ich ein Sturm, rein die heftige innere Bewegtheit der Lüfte, die um den Turm wehen? Oder bin ich ein großer Gesang, einzig der weihevolle, hymnische Schall, der durch die Sphäre geht? Gott, der Turm, ist nie greifbar, der Falke wird ihn nie packen können, der Sturm nie heben, der Gesang nie umgreifen; und doch kreisen wir unermüdlich um diesen Turm, der das innerste Zentrum unseres Strebens ist. Er – Gott – ist der Antrieb unseres Strebens, dem wir getrost den „letzten Ring“ überlassen können.