Der Märtyrer

Von Leonard Sezgin-Just

Die Arme hoch zum Himmel,
Augen eingefallen, leer vor Schmerz;
die Brauen eingerunzelt, nimmer
zeigt dies Gesicht hier Tränen mehr.
 
Den Mund noch leicht geöffnet,
doch keine Rede wert mehr dieser Welt,
einzig: letztes Leben auszuschöpfen
mit ferner Miene aufgestellt.
 
Dort erdenwärts ein Weiteres
– nur leiser – ist Weichendem bereit.
Er fällt ins Leere einer Weite,
die seinen Atem weich umgreift.

Entstanden in Betrachtung des Torsos “Suffering (The Martyr)”
von Constantin Meunier, 1887;
(https://www.flickr.com/photos/30171854@N05/15355357072)

Klopfen

von Leonard Sezgin-Just

Verwaistes Schweigen,
totgeschwiegen,
weiß wie aus dem Traum.
Bleichen Steinen,
feinzerrieben,
schließt sich rings der Raum.

Unvermittelt pochend,
Nachbars Klopfen;
unverbindlich unabweisbar
unerfindlich stockend:
Klopfen, Klopfen –
Worte von dem Meister.

Holztisch

von Leonard Sezgin-Just

Eherner Holztisch,
mächtiger Holztisch,
dem sich das Leben als Kerben ins Holz ritzt.
Durchstehend die Jahre.

Gepflastert die Straßen,
hinter und vor uns,
mit Platten von furchiger Tafel voll Sprache. 
Wir horchen auf ihr.

Wegesmut, Holzglut,
der Holztisch gedeckt 
mit den Resten von Sätzen voll großer Verheißung.
Greifend zum Krug.

Sprachlosigkeiten

Von Leonard Sezgin-Just

Kalte Tage reihen sich aneinander hin,
der Rücken schmerzt.
Es wird sich über Zugverspätungen unterhalten.

Anderes gibt es nicht mehr zu sagen,
nichts weiter rührt sich
von den Lippen der Menschen.

Ich bitte die Menschen, sich mir zu regen,
doch der Blick huscht zurück
in das Innere des Schädels,
das wie ein Winterfuchsbau
die menschliche Verunsicherung hütet.

Ein Geruch von kaltem Kaffee
täuscht über die Gesichter hinweg,
die durch die Wände zu entweichen scheinen.

In der U-Bahn schreit ein Baby auf und
zwischen sich verdüsternden
Gesichtszügen der Menschen in
der Enge des Wagons offenbart sich einem,
nur für einen Moment, die Täuschung:

dass es nicht das Kind ist, das hier schreit.

Die Gräue der Bürgersteigs-Betonplatten
liegt willenlos dahin,
aufgehört habend zu fragen,
welche Geschichten über sie getragen werden.

Nur auf einen so kleinen Funken
warten die Menschen, auf einen Wink
des missgelaunten Busfahrers,
der sie in ein anderes Leben einlädt.

Sie warten an den ergrauten Haltestellen,
sich einander durch die herabhängenden
Mundwinkel ihrer Komplizenschaft versichernd.
Drunter ein verstohlenes Lächeln.

Findelkind

von Leonard Sezgin-Just

Es war ein Junge, einfach glaubend,
unverbrüchlich ging er hin;
da kam ein Sturme, ihn beraubend,
ließ zurück ein Findelkind.

Leute kamen ihn zu fragen,
er: Ich liege hier so hin;
Leute gaben ihn begraben,
wunderlicher Sonderling.

Über Jahre lag er drunten,
lebend fort in seiner Welt;
Menschen drehten ihre Runden,
ihnen war die Uhr gestellt.

Eines Tages bäumt sich wieder
dieser Junge zu uns hin;
dann bestäubt er sterbend Glieder
mit dem schlichten letzten Sinn.

Im Windeshaschen

Von Tarek Sourani

Wir schliefen in den Hochhäusern von Dubai,
kauften in den Souqs beim alten Damaskustor in Jerusalem,
man ließ uns warten am Checkpoint nach Bethlehem,
wir bekamen Fieber in der antiken Ruinenstadt Palmyras,
wir träumten zwischen Cascais und Lissabon,
lächelten am Fischerhafens Kyrenias,
beteten bei Prophetengräbern am Ufer des östlichen Mittelmeers,
tranken Kaffee neben den farbenfrohen Häuserzeilen Boo-Kaaps,
schliefen auf weichem Teppich in Sarajevo,
wir gingen auf abwegigen Straßen durch Westminster
und beteten in unzähligen Hinterhofmoscheen
und überall beugten sich Einzelne vor den Türmen Gottes.

Ich betrete, die Tür aufstoßend, die Erinnerungen.
Draußen, im Manuskript der Nacht bekunden Sterne die Weite.
Treppen, die hinausführten, über alles hinaus.
Regende Erinnerungen, die die Schwermut nicht zu greifen bekommt,
da wir reisen, Ekstase des Unterwegs-sein.

Ich trinke ein Glas Wasser.
Ich trete an das Fenster.
An mein eigenes Fenster zur Welt:
Orangener Schein der Straßenlaterne,
vielbefahrene Straße, dort der alte Apfelbaum.
All diese Bilder schmecken mir -
ich habe sie ausgekostet im Wandel der Erscheinungen.

Ich haschte,
hasche immer noch nach Wind.
Ich liebe diesen Wind und stehe schief.
Und nehme eine Brise Salz
und streue sie in diesen unbeherrschbaren Wind.

Heimatland

Von Leonard Sezgin-Just

Seit dem Anbeginn meines Erfragens
war mir Heimat etwas Nie-Gefasstes,
ein Geheimnis – alte Weidegründe bargen’s –
ein Zu-Helles, etwas Traumbildhaftes.

Ich wusste stets, dass dieser Ort besteht,
dass weiche Sonne ihn umschmiegt;
es schien mir all dies nur wie fortgeweht,
oder als ob noch Staub darüber liegt.

Die Reinheit zweier Kinderaugen
hatte noch klare Sicht aufs Heimatland;
brauchte Geschichten nicht zu glauben,
die ihnen raunten, wo die Heimat stand.

Für sie war Heimat in den Dingen,
fraglos vorhanden, einschmiegsam;
kein Verlust, kein Aus-sich-Dringen,
ganz einfach, und doch wahrheitsam.

Wenn das Schweifen weltgereiften Blickes
nun die Konturen seiner Heimat wahrt,
bekriecht den Grübelnden ein stets missglücktes
Fliehen-Wollen aus der Gegenwart.

Doch hör ich ins Innre, weiß ich:
Hier ist Heimat, hier und jetzt;
ein Streben, das sich tief befleißigt,
im Hier zu sein, so unverletzt.

Von Leonard Sezgin-Just

Sehnsucht nach Erkenntnis

Von Hilal Sezgin-Just

Was sei Heimat, so fragten sie mich,
unwissend über die Beschwernis,
die mein Herz mit der Frage ereilt:
Eine Sehnsucht nach der Erkenntnis,
die in meinem Leib lange verweilt,
darüber, wo mein Zuhause ist,
wer ich bin und was mein Hindernis.

Suche nach Heim

Gastbeitrag von Ahmed Sadkhan

Ist es wahr, was sie sagen?
Ist es wahr, was die Weisen prophezeien?
Werden sie niemals enden die Fragen, die mich plagen,
die mich überladen und mich nicht lassen sein?...

Arm in Arm tanzend durch die Welten,
Wechsel der Farben, Wechsel der Zeit,
Verliere ich mich in den Armen der Noema,
die Schwester Melancholias – meine Weggefährten auf Ewigkeit.

So sehr ich das Tanzen auch liebe,
wie der Derwisch in Raum und Zeit mich verliere,
ich mich sehne nach Ruhe und Liebe auf Ewigkeit.

Ist es wahr, was sie sagen?
Was die Weisen prophezeien?
Ist es der Tod, nachdem ich mich da sehne?
Ich liebe doch die Weltlichkeit.

Dies scheint das Zwielicht des Denkers,
welches sich irgendwann ihm zeigt, ihn peinigt und befreit.

Denker, so wird es doch die Selbstliebe sein,
die dich Heim finden lässt.