Gott ist schön

Ein Gastbeitrag von Ramzi Ghandour

Einst sprach der Prophet Muhammad zu seinen Gefährten: „Ins Paradies wird nimmer eintreten, wer auch nur im Gewicht eines Stäubchens Hochmut im Herzen trägt.“ Daraufhin sprach einer der anwesenden Männer: „Und was ist mit dem, der es liebt, schöne Kleidung und Sandalen zu tragen?“ Also sprach der Prophet: „Gott ist schön und liebt die Schönheit. Doch Hochmut verachtet das Recht und ist Geringschätzung der Menschen.“


Dieser vielzitierte Hadith ist einfach und doch schwer zu verstehen. Beginnen wir mit der offensichtlichen, doch keinesfalls banalen Feststellung, dass der Prophet einen Unterschied sieht zwischen der negativen Charakter- beziehungsweise Herzenseigenschaft des Hochmuts, welche den Menschen gar am Eintritt ins Paradies hindert und dem Streben nach Schönheit, die er als von Gott geliebt sowie letztlich göttlich beschreibt. Um diesen Unterschied zu begreifen, sollten wir nach dem Verhältnis von äußerer Form und innerer Haltung fragen. Wenn sich Hochmut – andere Übersetzungen des arabischen Wortes Kibr sind „Stolz“ oder „Eitelkeit“ – nämlich nicht notwendigerweise in der Zurschaustellung äußerer Pracht manifestiert (wie es die Frage des Prophetengefährten suggeriert), müssen wir fragen, worin der Unterschied sonst begründet liegen könnte. Auch kann aus der Aussage des Propheten, die sich ja eindeutig auf die Betonung äußerer menschlicher Schönheit durch Kleidungsstücke bezog, nicht geschlossen werden, dass der Genuss, der aus dem Betrachten, Hören oder Erleben schöner Dinge entsteht, an und für sich etwas Verwerfliches wäre. Was also macht die Differenz von gottgefälligem Streben nach Schönheit und dem den Menschen in die Verdammnis führenden Hochmut aus?

Um dies zu verstehen, müssen wir uns für einen Moment daran erinnern, dass die islamische Gelehrsamkeit allgemein die Position vertrat, dass die einzige wirklich unverzeihbare Sünde – denn nur eine solche verdient den immerwährenden Ausschluss aus dem Paradies – darin besteht, Gott Teilhaber zur Seite zu Stellen. Dieses Schirk genannte Prinzip stellt den Kontrapunkt zum zentralen islamischen Dogma der Einheit und Einzigkeit Gottes (Tawhid) dar, welches im ersten der beiden Glaubensbekenntnisse („Es gibt keine Gottheit, außer dem einen Gott [Allah]“) ausgedrückt wird. Wenn der Prophet also darauf hinweist, dass Hochmut das Recht (al-Haqq; was im Übrigen auch einer der Gottesnamen ist) verachtet, dann könnte eine Deutungsmöglichkeit sein, dass sich der hochmütige Mensch ungerechterweise selbst für den Ursprung seiner Schönheit hält und damit dem wahren Schöpfer aller Schönheit – inklusive der eigenen – sein Selbst (Nafs) beigesellt und dieses statt Gott verehrt. Hochmut ist also eine Form von Ungerechtigkeit (in dem Sinne, dass sie das Recht Gottes missachtet, als Urheber aller Schönheit erkannt und verehrt zu werden). Dabei darf letzteres nicht auf einer persönlichen Ebene verstanden werden, denn natürlich ist Gott über jede Form menschlicher Geltungsbedürfnisse erhaben. Es geht vielmehr darum, dass sich ein hochmütiger Mensch bewusst oder unbewusst gegen ein absolut geltendes Prinzip auflehnt, worin man, wenn man es in Ruhe betrachtet, sowohl den metaphysischen Ursprung der Tragik als auch den der Komik entdecken kann. So liegt doch im Nichterkennen oder Nichtanerkennen einer offenkundigen beziehungsweise offenbarten Wahrheit je nach Darstellung etwas Tragisches oder gar Komisches.

Wenn wir nun noch einmal zu der vom heiligen Propheten aufgezeigten Dichotomie von Hochmut und Schönheit zurückkehren und zudem die These von dem Verhältnis von Hochmut und Ungerechtigkeit akzeptieren, lässt sich ableiten, dass Schönheit und Gerechtigkeit letztlich in einem ebensolchen Verhältnis zueinander stehen müssten. In anderen Worten: Wenn wahre Schönheit mit Hochmut unvereinbar ist und Hochmut letztlich Ungerechtigkeit bedeutet, dann wären Schönheit und Gerechtigkeit ebenso wenig von einander zu trennen wie Hässlichkeit und Ungerechtigkeit. Doch was bedeutet in diesem allgemeinen Kontext überhaupt ein Wort wie Gerechtigkeit? Laut dem vierten Kalifen und Schwiegersohn des Propheten Ali ibn Abu Ṭalib‎ ist Gerechtigkeit (Adil) jener Zustand, in dem ein jedes Ding entsprechend seiner Natur behandelt wird. Gleiches wird gleich und Unterschiedliches unterschiedlich behandelt. Dabei beruht dieses Verständnis von Gerechtigkeit auf der Erkenntnis, dass Dinge stets in Verhältnissen zu einander stehen und aufeinander wirken können. Entsprechend wäre bezogen auf Ethik und Politik (im klassischen Sinne ist Politik nichts anderes als angewandte Ethik im Rahmen eines außerhäuslichen Gemeinwesens) Gerechtigkeit dann hergestellt, wenn jede gesellschaftliche Gruppe das bekommt, was ihr rechtmäßig zusteht und gleichzeitig die Lasten trägt, die sie zu tragen in der Lage ist. Dabei sind auch im islamischen Recht Gleichheit und Ungleichheit keinesfalls absolute Kategorien. Vielmehr sind zwei Dinge stets nur in Bezug auf bestimmte Eigenschaften gleich oder ungleich. Der Reiche ist also beispielsweise verpflichtet dem Armen zu geben, unabhängig von seinem Geschlecht oder seiner Herkunft (Kategorien, die in anderen Zusammenhängen durchaus relevant sein können).

Doch zurück zu der Beziehung von Gerechtigkeit und Schönheit: Ebenso wie die Ethik beruht nämlich auch die Ästhetik auf der Erkenntnis, dass alle Dinge zueinander in einem Verhältnis stehen und sich in ein möglichst harmonisches (also gerechtes) Gesamtbild einfügen sollten. Dabei liegt Schönheit tatsächlich zu einem gewissen Grad im Auge des Betrachters. Allerdings nicht in dem Sinne, dass Schönheit etwas rein Subjektives oder gar Sentimentales wäre. Vielmehr setzt die Wahrnehmung von Schönheit immer eine gewisse Kenntnis über die Natur der betrachteten Sache und ihr Verhältnis zu anderen Dingen voraus, was bedeutet, dass Menschen mit unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungshorizonten eine Sache nur in ihre spezifischen Weltbilder werden einordnen und nur anhand dessen ihren ästhetischen Wert werden bestimmen können. Bezogen auf den eingangs zitierten Prophetenausspruch bedeutet dies wiederum, dass Gott das Schöne nicht nur deshalb liebt, weil es Seine Schöpfung ist und sich somit in ihr Seine eigene Schönheit spiegelt, sondern außerdem darum, weil Er in Seiner Allwissenheit die Natur jedes Dinges sowie dessen Verhältnis zur Gesamtheit aller Dinge, also seine potentielle wie verwirklichte Schönheit, (er-)kennt. Entsprechend erschließt sich uns nun auch eine Bedeutungsebene der letzten Abschnitts der prophetischen Darlegungen. Denn laut der 95. Sura (at-Tin, „die Feige“) erschuf Gott den Menschen „in bester Gestalt“, was in unserem Zusammenhang bedeutet, dass sich eine hochmütige Person über andere Menschen und damit in letzter Konsequenz über die Menschheit als Ganzes, welche doch von Gott höchstselbst mit der Sachwalterschaft auf Erden betraut wurde und entsprechend eines weiteren Prophetenwortes, in welchem die früheren Offenbarungen nachhallen, nach „Gottes Bild“ („ala Suratihi“) geschaffen wurde, erhebt. Hierin steckt schließlich das im eigentlichen Sinne Diabolische des Hochmuts, denn war es nicht Satan (arab.: Iblis), der sich Gottes Befehl widersetzte, weil er sich für edler, besser und, wenn man so möchte, auch schöner als Adam hielt?