Muslimische Bürgerlichkeit: Ein neuer Weg der unzeitgemäßen Tugend?

von Leonard Sezgin-Just

I

Bürgerlichkeit gehört sicherlich zu den abgegriffeneren Vokabeln des zeitgenössischen deutschen Diskurswortschatzes. Bürgerlich zu sein wird wahlweise auf eine bestimmte ökonomische Positionierung, eine kulturelle Beflissenheit, eine politische Haltung oder schlichtweg den Besitz eines Passes bezogen. Namentlich im deutschen Kontext, aber in verschiedenen Schattierungen ebenso in vielen anderen westlichen Ländern, ist Bürgerlichkeit und Bürgersein zu einem Gemeinplatz – im wahrsten Sinne des Wortes – geronnen. Bürgerlich ist man halt irgendwie, hat man irgendwie zu sein. Wenn man nun davon spricht, dass wir als deutsche Muslime, als in Deutschland sozialisierte und beheimatete Muslime, in einem Prozess der Verbürgerlichung stecken, scheint das zunächst wenig Greifbares zu transportieren, allenfalls semantischen Weichspüler migrationssoziologischen Fachdeutschs. Doch wird mit dem schnell gesprochenen Wort Bürgerlichkeit mehr getragen und impliziert, als gemeinhin bewusst. Es handelt sich hierbei um ein Bündel tiefgehender, gravierender Verhältnisse des Menschen: zu sich selbst wie zu seiner Gesellschaft, im faktisch Gegebenen wie im normativ Angestrebten. Eine menschliche Seins- und Sollensform – so könnte man maximal abstrakt sagen – die sich in der westlichen Welt, sprich Europa samt seiner ehemaligen Kolonie Amerika, in der Neuzeit ausgebildet und schrittweise etabliert hat. Nichts Universelles, nichts Übergeschichtlich-Allzumenschliches ist es also, womit wir hier ringen; Generationen von Menschen haben (mehr oder weniger) gut gelebt, ohne bürgerlich in dem hier verhandelten, modern-westlichen Sinne gewesen zu sein. Es ist eine enorm suggestive Finte modern-universalistischen Denkens, die eigenen historischen Verhältnisse kategorisch auf das Allgemein-Menschliche der gesamten Geschichte zu projizieren, ein Fallstrick nach meinem Dafürhalten, den wir im Blick haben und großräumig umgehen sollten. Anders gewendet: Unser Prophet hat sich nie dazu geäußert, was Bürgerlichkeit ist, wie sie zu beurteilen, ob sie erstrebenswert oder zu meiden sei, schlicht aus dem simplen Grund, dass es so etwas wie Bürgerlichkeit noch nicht gab, noch keine Frage bildete. Das wirft uns heute zum einen das Problem auf, dass wir auf Fragen der konkreten Bewertung von Bürgerlichkeit in den prophetischen Überlieferungen nur unbefriedigend fündig werden; zum anderen führt es uns jedoch vor Augen, dass Bürgerlichkeit nicht das Nonplusultra menschlicher Daseinsform ist, vormodernen Menschen nicht grundsätzlich etwas Qualitatives fehlte – schließlich finden wir in unsrem geliebten und reichgesegneten Propheten das beste Wesen der Schöpfung, somit zugleich das bestgeführte menschliche Leben, das beste Selbst- und Weltverhältnis humaner Daseinsform. Wohlgemerkt in bestimmten menschheitsgeschichtlichen Rahmenbedingungen.

Und diese, stets in Wandlung begriffenen historischen Rahmenbedingungen bringen uns westliche Muslime des 21. Jahrhundert nun dazu, über Bürgerlichkeit nachzudenken, ja, über diese nachdenken zu müssen. Wir Muslime hadern – mit der bürgerlich-modernen Welt, den äußeren Umständen, aber nicht zuletzt auch mit unserem eigensten Dasein als moderne Subjekte. Die Moderne ist vieles, und vieles wurde im Laufe des bisherigen Nachdenkens über sie auf sie projiziert. Eines scheint jedoch klar: sie liegt über Kreuz mit der Tradition, im westlich-europäisch-christlichen Kontext ebenso wie im islamischen. Um die Verwirrung zu komplettieren, kommt dann noch der Begriff der Postmoderne hinzu, ein viel bemühtes und oft zeitdiagnostisch überdehntes Konzept, das den jüngsten Wandel der letzten Jahrzehnte beschreiben soll und seinerseits über Kreuz zu liegen scheint mit der Moderne ebenso wie mit der Tradition. Als Muslime sollten wir wohl grundsätzlich Obacht walten lassen bezüglich allzu unterkomplexer Identifikationen mit diesen Großkonzepten Tradition – Moderne – Postmoderne. Basal gesprochen: das Gute sollten wir annehmen, das Schöne und Wahre; hingegen das Schlechte, Hässliche und Unwahre meiden. Egal aus welchem historisch-ideengeschichtlichen Zusammenhang heraus es uns entgegentritt.

Vor diesem breiten Horizont können wir uns nun die Frage stellen, welche positiven Aspekte Bürgerlichkeit transportieren könnte und an welchen Stellen eventuell Anknüpfungspunkte für ein muslimisches Selbstverständnis bestehen. In einem nächsten Schritt käme es dann darauf an, diese Punkte bewusst zu kultivieren und in dezidierter Abgrenzung von Abzulehnendem in eine neue muslimische Bürgerlichkeit zu überführen, die eigene bürgerliche Existenz gleichsam muslimisch zu transformieren. Ich möchte in diesem Beitrag vorschlagen, dass Tugendethik und Selbstbildung solche Anknüpfungspunkte darstellen könnten, innerhalb derer sich auf inhaltlicher Ebene islamische Ideale in bürgerliche Formen einschmiegen.

II

Es gibt eine Reihe von Begriffen in der deutschen Sprache, die für unsere heutigen, zeitgenössisch geprägten Ohren tendenziell befremdlich bis prätentiös klingen: Tugend, Gesittung, Artigkeit, Anstand, um nur einige zu nennen. Ihnen allen ist gemein, dass sie auf moralische Konzepte der Charakterbildung abstellen und dabei mitunter eine gewisse Strenge und altväterliche Rigorosität ausstrahlen. Beim modernen, lebensgestalterisch freigesetzten Individuum stellt sich sofort ein Abwehrreflex ein: Beengung und Bedrängung, ja Unfreiheit wittert man, als maße sich jemand von außen an, einem vorschreiben, wie man sich selbst zu entfalten habe. Dementsprechend assoziiert man die besagten Begriffe mit der allerverstaubtesten Kategorie von fortschrittsunwilligem Kauz, der seine vorgestrige Sittenstrenge anachronistische der jungen Generation aufdrängt. Dieses Assoziationsspiel mag schnell überzeichnet sein, doch vermag es zu zeigen, wie untergründig zeitgenössische Wertewahrnehmungen unsere Sprachfärbung bestimmen. Mit einem Slogan wie „Lasst uns Tugend und Sittlichkeit pflegen“ lockt man heute nur noch wenige vor die Tür; mit einem „Entfalte dich selbst“ fühlt sich indes so gut wie jeder angesprochen.

Natürlich sind Freiheit und Selbstentfaltung Werte, die man nicht ernsthaft in Abrede stellen kann, bei Anderen schon gar nicht, aber auch bei sich selbst nicht. Ebenso endet es schnell unbedarft, wenn man sich zu sehr vom Mainstream-Sprachgebrauch abkoppelt und hartnäckig an überlebten und nicht mehr verstandenen Begriffen wie etwa Züchtigkeit und Artigkeit festhält. Hier ist das Fingerspitzengefühl des Zeitgenossen gefragt, eigene Anschauung und Zeitgeist sprachlich in Vermittlung zu halten. Das wirklich Wichtige scheint mir jedoch zu sein, sich zu vergegenwärtigen, dass der heutige Sprachgebrauch samt seinen Konnotationen und Stilstandards nicht neutral, freischwebend, alternativlos ist. Und dass sich für vorherige Generationen – ebenso wie für uns – in ihrer Sprachverwendung Sinn, Weltdeutung und Werte niedergeschrieben haben. Man muss sich nur einmal vorstellen, welche Reaktionen man von einem Mitteleuropäer des 17. Jahrhunderts erhielte, wenn man ihn den Werbeplakaten einer heutigen Großstadt aussetzte, von denen einem auf jedem zweiten „Sei du selbst“ oder „Leb deinen Traum“ entgegengehaucht wird, samt zugehöriger Illustration durch halbnackt posierende und mit Markenklamotten behängte Modells. Seine Reaktion wäre wohl ebenso von Unverständnis und Irritation geprägt wie die eines beliebigen großstadtbummelnden Mall-Besuchers der Gegenwart, den man unversehens in eine fromme Kleinstadt des frühneuzeitlichen Deutschlands verpflanzt hätte. Wir haben es hier also mit historischen Disparitäten zu tun, die in ihrer Krassheit nicht zuletzt Auskunft geben über unsere moderne Epoche und die Schrillheit, mit der diese sich von allem Vorherigen abgesetzt hat.

Wenn man nun als religiös bekennender Mensch, als Muslim, der man auf die Überzeitlichkeit des Metaphysischen geeicht ist und seinen existenziellen und ethischen Fluchtpunkt in den Wurzeln der eigenen Tradition findet – Heiliger Schrift und Prophet – scheint es zumindest nicht abwegig zu sein, auch jenseits der Blase des Zeitgeists Orientierungspunkte zu suchen. Und das durchaus über das autoritative Vorbild des Propheten hinausgehend, mit welchem Segen und Frieden sei, quer durch die Menschheitsgeschichte. Der Prophet war kein Bürgerlicher im neuzeitlichen Sinne, das herbei zu argumentieren wäre hanebüchen; doch man kann dem Vorbild des Propheten in Liebe und Inbrunst folgen und trotzdem – unter gewandelten kulturhistorischen Umständen – ein gutes, muslimisch zuträgliches Verständnis von Bürgerlichkeit adaptieren. Hierfür ist es zunächst ausschlaggebend, ein tiefergehendes Verständnis von Bürgerlichkeit in seinen historischen und konzeptuellen Dimensionen zu gewinnen.

III

Etymologisch leitet sich der Begriff Bürger von Burg her, damit Bezug nehmend auf den Status, den das Mitglied eines städtischen Gemeinwesens, von denen sich ab dem Hochmittelalter überall in Europa neue bildeten, innerhalb der burghaften Stadtmauern einnahm. Mit dieser Rolle ging von früh an eine besondere Verantwortung und Solidaritätspflicht einher, die bestimmte Formen von Bürgersinn und Bürgertugend hervorbrachten. Das zeigte sich zum einen im politischen Bereich, wo man Bürgertugend positiv als Gemeinwohlorientierung und nachbarschaftliches Verantwortungsbewusstsein begreifen kann. Ebenso spielte das Ökonomische eine Rolle, da der Bürger sich vor allem gegenüber dem Unfreien und Hörigen durch eine gewisse wirtschaftliche Selbstständigkeit auszeichnete, jedoch ebenso fern davon war, als Adeliger durchzugehen. Der Regelfall war dabei keineswegs der verschlagen ausbeuterische Großkapitalist, wie ihn einige marxistische Theoretiker blindlings auf die gesamte Geschichte der Bürgerlichkeit projiziert haben, sondern vielmehr der kleinunternehmerische Eigenbetrieb. Jedoch zeigte sich das Bürgerliche auch in einem kulturellen Sinne: anders als außerhalb der Stadtmauern, in der wilden und rechtlosen Weite der Welt, in der sich zumeist der Stärkere durchsetzte, wurde in der Stadt eine gewisse Rauheit aus dem Menschen herauskultiviert, die Sitten wurden feiner und sanfter. Gefördert durch Institutionen der Bildung, der Religion und der Künste entstand nicht selten in Städten ein Nährboden für hohe kulturelle und geistige Errungenschaften. Und nicht zuletzt waren Städte in vielen Fällen besondere Zentren der Religiosität und Frömmigkeit. Besonders in der Frühen Neuzeit entstand in vielen mitteleuropäischen Städten eine Kultur der Sittlichkeit, Gemeinschaftlichkeit und religiösen Besinnung, die den gesamten Alltag eines Städters bestimmte. Es war elementarer Bestandteil der vorherrschenden Kultur, des Zeitgeistes, viel Mühe auf die Bildung des eigenen Charakters zu verwenden, der Innerlichkeit eine beträchtliche Aufmerksamkeit zu schenken und insgesamt den Menschen vor allem von seiner Seele her zu betrachten.

Insgesamt lässt sich dieses – bewusst positiv gezeichnete – Gesamtbild (politischer Verantwortungssinnökonomische Selbstständigkeit, kulturelle Verfeinerung und religiöse Lebensausrichtung) als eines begreifen, das in allen Bereichen auf Mäßigung und eine gewisse Mitte abzielt und sich von Extremen fernhält. Natürlich ist dieses Bild bei weitem historisch nicht immer komplett umgesetzt worden, und gewiss hatte es auch stets seine Schattenseiten; doch als Ideal und kulturelle Bezugsgroße der Zivilisiertheit bleibt es bestehen. Und vor allem gewinnt es für uns Gegenwärtige seine Bedeutung, wenn wir es mit der postmodern-digitalen Großstadt der heutigen Zeit kontrastieren: Politisch scheint hier nicht selten Apathie oder Selbstfokussierung vorzuherrschen, zumindest mangelt es vielerorts stark an Gemeinwohlorientierung. Ökonomisch sind gerade die Städte Zentren des grenzenlosen, gewinnsüchtigen und ausbeuterischen Hochkapitalismus. Im Bereich des Kulturellen sorgt eine omnipräsente Unterhaltungsindustrie eher für konsumistische Verflachung denn für kulturelle Höhe. Und schließlich ist die Religion sehr weitgehend zurückgedrängt, spirituelle Innerlichkeit und Sittlichkeit klingen für die Mehrheitskultur wie aus einer anderen Welt, und Dingen der äußeren Welt – Kleidung, Sex, Essen – wird eine beinah religiöse Bedeutung zugemessen.

Gegen all das könnte sich ein selbstbewusster muslimischer Bürger bzw. bürgerlicher Muslim stellen, indem er aktiv Tugenden der ‚alten’ Bürgerlichkeit verteidigt und pflegt. Politischer Gemeinsinn und gesellschaftlicher Zusammenhalt würden seine muslimische Tugend im Bereich des Öffentlichen herausfordern. Ökonomische Unabhängigkeit bei gleichzeitigem Maßhalten könnte der Muslim als Plädoyer für mittelständische Selbstständigkeit begreifen, die nicht das Ziel hat, sich durch Ausbeutung und Spekulation bis in schwindelerregende Höhen zu bereichern. Kultursinn könnte man in den verschiedensten Bereichen zeigen, von der Geistesbildung über die Literatur bis hin zur Musik, sowohl als Rezipient wie als Produzent. Schließlich könnte der bürgerliche Muslim darum bemüht sein, seiner Religiosität in einer forcierten Innerlichkeit Ausdruck zu verleihen, sowohl alleine in Fragen charakterlich-seelischer Selbstläuterung, als auch in Gemeinschaft im Sinne eines starken spirituellen Miteinander.

IV

Damit ist ein Plateau der Möglichkeiten abgesteckt, das einen unmittelbar mit Problemen und Herausforderungen konfrontiert: Wie weit geht ‚gute’ muslimische Selbstständigkeit, die sich in Teilen sicher auch auf das Vorbild früher Muslime stützen kann, und wo beginnt kapitalistisches Gewinnstreben, das ein offenkundig ungerechtes System der Ausbeutung erhält? Das ist mit Sicherheit keine kleinliche Frage der Nuancen, da allein an der Gegenüberstellung eines Dönerbudenbesitzers mit einem Großimmobilieneigner deutlich wird, dass Selbstständigkeit nicht gleich Selbstständigkeit ist. Sollte es für einen Muslim erstrebenswert sein, durch seine Geschäfte Millionen zu verdienen? Man könnte argumentieren, dass darin eher ein Keim der Hybris steckt und nicht zuletzt eine Gefahr, sich vom Rest der Menschen abzukapseln. Möglicherweise kommt der Dönerbudenbesitzer, der nebenan wohnt, unserem Ideal der muslimischen Bürgerlichkeit wesentlich näher als der Immobilieninvestor, dem der gesamte Häuserblock gehört, der aber in seiner Villa irgendwo im Ausland lebt. Kulturell blieb sicherlich die Frage offen, wie man als individueller Muslim, der man möglicherweise aus einem nichtbürgerlichen Hintergrund kommt, bürgerliche Kultiviertheit und Kultursinn für sich gewinnen kann, ohne in den schnöseligen Anbiederungsmechanismus des Parvenus zu verfallen, der, um Gefallen und Anerkennung zu finden, sich verstellt und die eigene Herkunft verleugnet. Nicht selten hört man Geschichten von jungen Muslimen, die sich vor ein derartiges Problem gestellt sehen und als Reaktion die eigene Verbürgerlichung geradezu aktiv abzuwehren versuchen. Natürlich ist es legitim, wenn man sich bewusst gegen das Bürgersein entscheidet; aber es sollte doch ebenso legitim sein, sich fürdas Bürgersein zu entscheiden, und das ohne seine Familie, seine soziale Schicht, seine ethnische Herkunft zu verraten oder sich selbst zu verleugnen. Was für eine aufrechte muslimische Bürgerlichkeit wohl mit am meisten Not täte – und das für diejenigen aus bürgerlich-privilegiertem Hintergrund wohl noch weit mehr als für die auch nichtbürgerlichem – dürfte die Tilgung der Eitelkeit sein, jenes unappetitlichsten Auswuchses selbstzufriedener Bürgerlichkeit. Der muslimische Bürger müsste sich gerade durch seine Bescheidenheit auszeichnen, durch Demutsgesten und Pflichtbewusstsein anstelle von Standesdünkel. Doch den Verächtern des Bürgerlichen müsste ebenso gesagt werden, dass Bürgerlichkeit nicht gleich Hochnäsigkeit und Blasiertheit bedeuten muss. Die beiden Pole des Arrogant-Bürgerlichen und des Verächtlich-Antibürgerlichen müsste die gesunde muslimische Bürgerlichkeit durch ein authentisches, und vor allem bescheidenes Selbst- und Weltverhältnis überwinden. Zuletzt zeigen sich im Bereich des Religiösen einige mögliche Probleme, denen eine muslimische Bürgerlichkeit anheimfallen könnte. Es geht hierbei um all das, was häufig unter der Überschrift Aufklärung firmiert und zumindest im deutschen Fall untrennbar mit dem Selbstverständnis des bestehenden Bürgertums verbunden ist. Mündigkeitkritisches Denken, ‚humanistische’ Ethik sind da Begriffe, um die man auf lange Sicht nicht herumkommt. Es wird eine gewisse intellektuelle Anstrengung als wohl auch eine gewisse Zeit bedürfen, um sich als muslimisches Bürgertum über diese Begriffe zu vergewissern. Einigen wird man sicher kritisch und distanziert begegnen müssen, so etwa allen Vorstellungen, die zu einseitig auf Individualisierung und Säkularisierung abzielen. Andere Begriffe wird man vielleicht umdeuten und muslimisch akzentuiert aneignen können; Mündigkeit des einzelnen Gläubigen vor Gott würde beispielsweise bei den allermeisten Muslimen wohl grundsätzlich auf Anerkennung stoßen. In einem dritten Schritt könnte man – wie oben bereits vorgeschlagen – hinter die allzu religionsfeindlichen und verweltlichten Vorstellungen der Hochaufklärung hinweggehend nach Anknüpfungspunkten in historisch weiter zurückreichenden Vorstellungen suchen; hier könnten es vor allem Tugendethik und Selbstbildung sein, die sich für einen Muslim substanziell füllen ließen. An seinem eigenen Selbst, an seiner Nafs zu arbeiten und dabei – in der Hingabe an den einen Gott – eine Praxis des tugendhaften, das heißt: schönen, wahren und guten Denkens und Handelns auszubilden, könnte das sein, was den muslimischen Bürger am Ende wirklich auszeichnet. Gerade darin mag auch das ‚Aufgeklärte’ am muslimischen Bürgertum liegen: in der Erhellung, also Aufklärung des eigenen Inneren, das von dort nach außen scheint und uns und unsere muslimischen Mitbürger über die wirkliche Bedeutung unseres Seins aufklärt. Gerade auch die selbstbewusste Aneignung und Beanspruchung eines Begriffes wie Aufklärung mag dann ein Zeichen der neuen muslimischen Bürgerlichkeit sein. Dass es am Ende um kernislamische Prinzipien und Tugenden geht, die so schon seit Jahrhunderten gelebt werden, mag den bürgerlichen Muslim daran erinnern, dass er das Rad nicht neu erfindet und sein jetzige kulturhistorische Daseinsform nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss ist.

All diese Schwierigkeiten und Herausforderungen sollten nicht abschrecken, sondern vielmehr dazu anregen, auf neue Herausforderungen neue, authentische Antworten im Geiste einer lebendigen islamischen Tradition zu geben. Die Muslimische Bürgerlichkeit könnte eineMöglichkeit sein, jenseits passivem Mitschwimmens im Zeitgeist als Muslim in einer postmodernen westlichen Umwelt ein selbstbestimmtes Leben inmitten der Gesellschaft zu führen.