Zwei Geschichten eines modernen Menschen und die Frage nach dem Schönen

von Leonard Sezgin-Just

Wir alle sind in unsrem Alltag von Schönem umstellt, unsere heutige säkulare Konsumgesellschaft bombardiert regelrecht mit Ästhetik. Nicht nur in Film und Fernsehen, in der Musik, in der Mode, im Stadtbild, schlechterdings in unserer ganzen modernen Lebenswelt sind wir von Dingen umringt, die mit einer ästhetischen Absicht aufwarten; bis hinein in unsere Lebensentwürfe und Selbstverwirklichungsbestrebungen sind wir von der Kraft des Ästhetisierenden bestimmt. Die romantische Liebe, wie wir sie in unserer Partnerwahl erheischen, ersehnen wir als Gipfel einer Lebensgeschichte, die wir geradezu als narratives Gesamtkunstwerk entwerfen. Unsren Lebensstil, unsren Habitus, die Art wie wir uns geben, reden und auftreten, all das ästhetisieren wir, bewusst oder unbewusst, unablässig. Doch hinter dem rauschhaften Schleier dieser schieren Omnipräsenz des Schönen zeigt sich uns eine beispiellose Verflachung der Ästhetik.

Was ist noch schön? Das Kulturwesen Mensch hat immer schon Formen des Schönen erstrebt und herzustellen versucht, schon aus den frühsten Zeiten bezeugter menschlicher Existenz sind Formen der Kunst, des Ästhetischen überliefert. Das Schöne ist Teil der conditio humana. Doch mit der Moderne, mit der Zeit, in der wir leben, hat sich etwas grundsätzlich verändert. Ich streife durch die Stadt und von der ästhetisch daherkommenden Dauerberieselung der Konsum- und Werbeindustrie leicht betäubt frage ich mich: Was ist heute noch schön? Was kann mir dieses Wort noch bedeuten?

All das lässt mich, und wahrscheinlich nicht nur mich, in Verwirrung und Grübeln zurück. Ich habe keine abschließende Antwort, und kann mir auch keine herbeikünsteln. Zwei Widerfahrnisse sind es, zwei Geschichten, die mein Denken und Fragen in dieser Angelegenheit versinnbildlichen. Zwei Ahnungen und Seelenstimmungen, die ich zu vereinen noch bestrebt bin.

Eine U-Bahngeschichte

Die Menschen glucksen durch die Adern Berlins. Unablässig ziehen sie auf meinem morgendlichen Weg durch die Berliner Untergrundwelt in einem pochenden Strom an mir vorbei. Bild um Bild erscheint vor meinen Augen, Menschen mit übler Visage, Gelangweilte und Gestresste, Verzagte und Zerlumpte; Menschen, die ermatten an der Stadt, an Seele und Leib. Blässe und Beklemmung zeichnen sich in die Blicke der meisten, Trübsal und Ermattung wabert zwischen ihren verschlafenen Gesichtern. Am Leib leiden nur Wenige, und die meisten dieser Wenigen haben zu betteln und bitten aufgehört. Die, die es noch tun, kraulen sich schlaff und schwunglos durch das Meer der Anonymität und Apathie, durch das Meer der diesigen Augenpaare, die sich an Handydisplays kleben oder im Nichts verlieren. Wie jedes Gesicht eine Geschichte schreibt, ein ganzes Buch, dessen Lettern man zu Lebzeiten nicht auszulesen vermöchte, so bleiben doch all diese Bücher geschlossen, ein großes verstaubtes Bücherregal voller verriegelter und verrammelter Bücher.

Ein lebensgezeichneter Mann lässt seine Stimme ertönen, bietet seine Straßenzeitung feil, hält seine Hand auf für eine kleine Spende. Blicke werden ihm nur wenige gewährt, sie sind zu kostbar; man könnte derweil den seelenauslutschenden Konsummoloch auf seinem Handybildschirm vernachlässigen.

Wo sind diese Menschen – wo bin ich? In der Bahn, in diesem Moment, auf engstem Raum versammelt, doch – so hat man zumindest den Eindruck – nur mit ihrem Körper anwesend, hineingewürfelt in ihre Existenz. Des Morgens aus den Betten gepurzelt und nun in der Hast ihrer Leiblichkeit auf dem Weg zu ihrer Arbeit, zu ihrer Verdingung. Ihre Gedanken kleben entweder an der Zukunft fest, dieser lebensfressenden Denkakrobatik: Was könnte ich mir morgen kaufen, welchen Lustgewinn verbuchen, welche Selbstentfaltung feiern? Oder aber das Denken versumpft in der Gestrigkeit, diesem nichtsnützen Nachklang: Was hätte ich nur damals anders tun können, wie habe ich da und dort auf andere gewirkt? Doch was ist mit der Gegenwart? Diesem unfassbaren Punkt, diesem Aufblitzen, das, ehe es ist, schon nicht mehr ist, nicht war und nicht seien wird, nicht währt. Zugleich das Allerunechteste, Unfassbarste, und doch das Realste, das Seiendste in unserer Erschaffenheit. Dort zu leben kommt einem Gottesdienst gleich, einem Aufhorchen auf das Jetzt, auf das Im-Jetzt-Sein, auf diesen magisch-echten Ausfluss Gottes. Im Jetzt entzückt man, sieht die Schönheit und Wahrhaftigkeit dieser Welt, blickt ihr ins nackte, unverstellte Angesicht, das das Innerste der eigenen Seele, wenn man sie nur ließe, hoch aufjubeln lassen würde.

Diese Schönheit hat nichts mit einem kunterbunten Kindergeburtstag zu tun, und auch nichts mit einem beschwipsten Friede-Freude-Eierkuchen. Schönheit ist nicht Gefallen und nicht Erheiterung, erschöpft sich nicht in ihnen. Eine Blume kann schön sein, sogar sehr schön, ja, das Allerschönste. Doch nicht das seichte ‚Ach-wie-schön’ macht die Blume schön, nicht das laue Sonntagsgefühl, wie es unseren vordergründigen Reizen entspringt. Das Bewundern und Entzücken, das uns überfährt, das echte Bewundern und Entzücken, erhascht einen Blick auf die Gegenwärtigkeit der Dinge, auf deren Im-Jetzt-Sein-durch-Gott. Und Gott ist schön, und was er schafft, ist schön. Nicht das oberflächlich Schöne, das Glanzverbreitende und Blickanlockende. Nein, alles, auch das Banale, ja, das Niedere.

Gott hat Schönheit auch in den Schmerz gelegt, in das Bekümmerliche und Verdrießliche. Und Widriges gibt es in dieser Welt ja wahrlich zu Genüge; wollte man es aufsummieren, fröhliche Gänseblümchen gegen verdorrte Stinkmorcheln aufwiegen und seinem Herrngott die Rechnung entgegenskandieren, man würde nicht nur vollends verzagen, man schnitte sich auch selbst ins Fleisch. Mir scheint es immer wieder, als ob Gott uns unentwegt, in allem was ist, wo immer wir es wollen, Gemälde malte. Mächtige Gemälde, wie sie in den Vatikanischen Hallen in Rom prangen, zeugend von Wehklagen und Hochloben, Verzagen und Ereifern. Hier habe ich gelernt, was Schönheit auch sein kann, wie oberflächlich Unschönes und Niederes in sich eine tiefe Schönheit bergen, einen Hauch Menschliches und Wahres offenbaren kann. Doch nicht nur in der artifiziellen Welt der Bilder zeigt sich mir diese tiefere Schönheit, die ganze Welt, das ganze Leben hält sie bereit. Draußen in der profanen, mir doch so heiligen Welt schreite ich drein und sehe das Sein der Dinge und Wesen, wie ein Meer aus Zeichnen von meinem Schöpfer und Erhalter auf meine Fährte gestreut.

Müsste ich nicht durchweg staunen vor lauter Entzückung und Berückung, vor lauter Erkennen? Stattdessen sitze ich phlegmatisch mit meinem Handy in der Hand auf meinem ergatterten Sitzplatz in der U-Bahn und vermag es nicht einmal, den Zeitungsverkäufer eines Blickes oder gar Wortes zu würdigen.

Ich schaue also dem Zeitungsverkäufer in seine ausgemergelten, verhärmten Gesichtszüge und sehe Schönheit, den matten Glanz eines menschlichen Blickes. Er erzählt Geschichten, dieser Blick, Geschichten der Verbitterung und der Hoffnung, des Verzagens und des Stoßgebets. Lernen und Erstaunen könnte man, richtete man seinen Blick noch ein wenig länger in dieses Gesicht; doch so schnell wie erschienen, verflüchtigt sich diese bildgewordene Szenerie wieder vor meinen Augen und ich durchhusche weiter meinen wohlstandsbetäubten Alltag.

Ich verlasse den U-Bahnhof und der bitterklirrende Kälte verströmende Schnee erstrahlt in einem magischen Licht.

Eine Bachgeschichte

Für manch einen mag es sicherlich befremdlich, fast schon anstößig sein, dass ein Muslim Bach hört. Und wenn meine Nachbarn mal Bachchoräle, mal Koranrezitation unfreiwillig mitzuhören bekommen, könnte ich ihnen ein gewisses Verdutzen nicht übelnehmen. Es ist in der Tat ungewöhnlich, doch die unzweideutig christliche Musik Johann Sebastian Bachs ist für mich, einen bekennenden und nach bestem Mühen orthodoxen Muslim, in ästhetischer Hinsicht von eminent religiöser Bedeutung. Seicht berieseln lassen kann man sich mit dieser Musik auf keinen Fall, sie ist nichts, was die Triebseele vordergründig erfreut und befriedigt. Vielmehr ist sie – neudeutsch gesprochen – zutiefst ‚triggernd’, bringt Gemüt und Seele in Wallung, beschwört das Allertiefste und Allerexistenziellste herauf, schleudert einen in ihrer epischen Gewalt gleichsam vor den Thron Gottes. Meine Beziehung zu Gott, meine Hingabe ihm gegenüber, verliert in diesem Moment jegliche Banalität und Trockenheit, gewinnt eine innige Tiefe und tragische Wahrhaftigkeit, die ich mit diesen gestochen daherkommenden Formulierungen nicht einmal notbehelfsweise zum Ausdruck bringen kann.

Die Musik Bachs ist getragen von einem ästhetischen Momentum, das bis heute unzählige Menschen hinreißt und bewegt. Hier zeigt sich eine Tiefe des Seins, eine ungebrochene Wuchtigkeit der Gemütslagen und Gefühle, die der modernen Popmusik gänzlich unbekannt ist. Und das liegt vor allem an einem Umstand: diese Musik ist zutiefst religiös durchwaltet, von einem tiefgläubigen Geist durchzogen und einzig zu Ehren Gottes angestimmt, zur Lobpreisung seiner Pracht und Barmherzigkeit sowie zur Ermahnung an die Menschen, sich Seiner zu besinnen. Gekleidet in einer der großen religiösen Traditionen der Menschheit, in die des Christentums, inszeniert in einer urgewaltigen, unverblümten Bilderpracht. Für moderne Individuen mit wenig bis keinem festen Bezug zu Religion, ist das eine ferne, irritierende, ja oft sogar abstoßende Welt. Doch wenn der Choral aus Bachs Matthäuspassion „Ich will dir meine Herze schenken – ich will mich in dir versenken“ anhebt, werden doch so viele von diesen Menschen ergriffen. Für mich ist das eines der reinsten Zeichen der Veranlagung des Menschen, Gottes zu gewahren, sich Seiner zuzuwenden, sich Seiner hinzugeben. In dem gegenwärtigen Moment der Ergriffenheit, des seelischen Erfühlens eines Höheren, fließt derart viel zusammen, gerinnt derart viel Wahrheit in einem Leise-Unbestimmbaren, dass der Mensch – ob religiös oder nicht – nicht anders vermag als zu erzittern, zu erbeben, zu glauben. Allein der religiöse Mensch gewahrt sich dabei seines Stehens vor Gott, seiner Erschaffenheit durch Diesen, seiner Abhängig von Diesem.

Vor diesem Hintergrund überwiegt das Verbindende zwischen meinem muslimischen Selbst und Bach bei weitem das Trennende. Ja, gewisslich, es gibt nicht wegzuleugnende Differenzen zwischen meinem islamischen Bekenntnis und den religiösen Inhalten, die in den Bachschen Stücken vermittelt werden. Doch nicht zuletzt in einer Zeit, wo die Religion und das Religiöse allenthalben als überwunden gelten und sich der postmoderne Mensch in seiner Ungebundenheit als emanzipierter Gipfelpunkt der Menschheitsgeschichte feiert, fühl ich mich der Frömmigkeit und Religiosität bei Bach auf eine unbeschreibliche Art nah und lasse es gerne zu, von dieser einzigartigen musikalischen Ästhetik in meinem muslimischen Bewusstsein bewegt, erbaut und zu Gott geführt zu werden.

Ein leises Ahnen sagt mir, dass diese beiden Formen ästhetischen Erlebens im Kern zusammengehören, eine gleiche Wahrhaftigkeit transportieren und dass es töricht wäre, sie gegeneinander auszuspielen. Beides trifft die Tiefe einer Ästhetik, die nicht einfach nur erfreut und berauscht, sondern bewegt und ermahnt, uns verweist an Gott, den allgewaltigen Ursprung unseres gesamten Seins, den Erhabenen, der schön ist und das Schöne liebt.