Über den Zweifel

Von Hilal Sezgin-Just

[Ich] fragte: „Wo sind wir, o Jugend?“ Sie antwortete: „Auf dem Feld des Zweifels. Hab Acht!“ „Lass uns zurückkehren“, bat ich, „denn die Einsamkeit des Ortes flößt mir Angst ein, und der Anblick der wandernden Wolken und der nackten Bäume betrübt meine Seele.“ Sie sagte: „Hab Geduld, denn der Zweifel ist der Beginn der Erkenntnis.“

Khalil Gibran

Stellen wir uns einen Staat vor, in dem der Besitz von Büchern als schweres Vergehen geahndet wird, einen Staat, dessen Feuerwehr den Auftrag befolgt, Bücher zu vernichten; einen Staat, dessen Bürger zu Gehorsamkeit zwanglos gezwungen werden. Zwanglos, da die Bevölkerung in einem von unsichtbaren Gittern abgeriegelten Gefängnis hausend, durch Unterhaltung und Konsum abgelenkt, ihr trostloses Häftlingsleben verlebt – und davon überzeugt zu sein scheint. Dieser Staat existiert in Bradburys Dystopie Fahrenheit 451. Diese Art von Dystopien lassen uns nicht kalt. Mit einem bitteren Beigeschmack belächeln wir obszöne Handlungen, düstere Visionen und lebensfremde Charaktere, nur um uns hinterher die Frage zu stellen, wie realitätsfern das Szenario tatsächlich ist. Der Leser begleitet den Feuerwehrmann Guy Montag, der durch eine flüchtige Bekanntschaft mit der jungen Clarisse an den Wert des freien Denkens, an die Schönheit von Kunst und Kultur erinnert wird; der Leser folgt ihm in seinem inneren Kampf, in dem Ringen um Zweifel und Wahrheit, nur um am Ende zu erfahren, dass die Ablehnung und Vernichtung von Kunst und Kultur nie von der Regierung aufgezwungen wurde, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Veränderungen war; Ergebnis immer weniger werdenden Lesens, Ergebnis „seelischen Unglücks“, das aus der persönlichen Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft, der Philosophie und Soziologie resultiert. Zweifel seien schließlich schädlich für den Seelenfrieden. Und für den Seelenfrieden müsse der Staat Geistiges verbieten.

Eine ungeheure Vorstellung, aber wie viel Wahrheit beinhaltet sie? Verbietet der Staat damit nicht auch das Menschliche? Das existentielle Infragestellen der Welt, des Lebens, des eigenen Selbst? Sind Menschen, die sich öfter geistigen Betätigungen widmen, unglücklicher als andere? Das ist eine Frage, die unbeantwortet bleiben wird, zumal das Glücksempfinden kaum messbar ist. Allerdings stimmt es sehr wohl, dass, je mehr Wissen um Ungerechtigkeit, Krieg und Leid man hat, desto melancholischer und trostloser der Blick auf die Welt wird. Was ist hier die Lösung, wenn es denn eine gibt? Verschließt man sich in den eigenen Privilegien gegenüber der Welt und den Mitmenschen, oder schützt man sich vor Negativität, weil einem ohnedies die Hände gebunden sind? Eine durchaus allseitige Überlegung, die in Zeiten von Social Media immer relevanter wird und über die jeder Einzelne von uns selbst nachdenken muss.

Nachdenken muss. Denn Nachdenken ist – neben der Sprache - das, was den Menschen zum Menschen macht. Der Mensch befindet sich – um es in Camus’ Worten auszudrücken – in einer „absurden Situation“; in einer Welt der Sinnwidrigkeit und Sinnlosigkeit, der krampfhaft versucht werde, einen Sinn zu verleihen. Der Mensch begebe sich dabei auf die Suche nach einem Sinn in seiner sinnlosen Existenz, wobei diese Entzweiung, ja dieses Hin-und-her-gerissen-Sein nach Camus das Wesen des Menschen ausmacht. Ein „philosophischer Selbstmord“ bedeute es, wenn der Mensch sich in Religionen flüchte, um sich aus dieser absurden Situation, aus der Entzweiung zu befreien. Ist es allerdings nicht vielmehr absurd, die Welt jeglichen Sinnes zu berauben? Ist der Nihilismus der einzige Ausweg aus dieser „Absurdität“?

Von diesen Gedanken ist festzuhalten: Ohne das Nachdenken kann der Mensch nicht Mensch sein. Diese lange Suche auf dem langen Pfad des Lebens beinhaltet Zweifel, Mühe und Mut. Ohne Mühe lässt sich nicht suchen, ohne Mut nicht leben und ohne Zweifel – nicht glauben. Der Zweifel ist der Beginn der Erkenntnis.