Zur Wiedergewinnung des Zaubers

Von Tarek Sourani

Beauty can be a startling reminder for those us who have sunk occasionally into the superstitions of materialism, that to see reality in purely mechanistic terms is not to see the real world at all, but only its shadow.

David Bentley Hart

Wenn wir, als religiös-musikalisch gestimmte Menschen, versuchen, über Schönheit nachzudenken, machen wir uns verdächtig. In den Akademien und Seminarräumen der zeitgenössischen Kunst- und Kulturwissenschaft haben es Jahrzehnte an Dekonstruktion und messerscharfer Sezierung mit sich gebracht, dass Schönheit keine ernstzunehmende Kategorie mehr ist. Um Schönheit geltend zu machen, müsste man also eine ganze ästhetische Programmatik auffahren, um nicht von gebildeten Nächsten argwöhnisch beäugt zu werden. Wenn wir zudem noch Gottes ontologische Schönheit in den Mittelpunkt unserer Wahrnehmung und Überlegung rücken, dann stehen wir da als solche, die sich vergehen, weil sie allem Aufklärungsbestreben eine vermeintlich antiquierte Metaphysik entgegenstellen, also ein Projekt, das in der europäischen Ideengeschichte zu großen Teilen zu Grabe getragen worden ist. Für weite Teile mag dergleichen also nur ein verkommener Anachronismus sein, insbesondere im post-christlichen Deutschland und seiner weit verbreiteten Immanenzverdichtung. Nicht wenige unserer Mitmenschen sind sophistizierte Realisten geworden, die all den Mythos und all das Märchenhafte der Religionen durchschaut und durch eine wissenschaftliche Perspektive ersetzt haben. Wir jedoch, die Begriffsstutzigen und Ewiggestrigen, die dem modernen Materialismus – im Deutschen unschuldig »Naturalismus« genannt – zu widerstehen gedenken, gelten der Hard Scientific Community als unfruchtbare Spekulierer, schlimmerenfalls als verkappte Mythologen und Esoteriker und das obwohl so manch ein Physiker bezweifelte, dass aus totem Stoff, bewusstloser Energie und schierem Zufall ein Bewusstsein hervorkommen könnte. Und doch fehlt es an respektablen Alternativen zu den heute verfügbaren Theorien, die alle davon ausgehen, dass am Anfang Chemie und nichts als Chemie war.

Trotz allem. Von nicht allzu weit weht das Geheimnis her. Stehen wir nicht jetzt erst recht vor den großen Welträtseln? Ist denn die Geltung der Naturgesetze weniger mysteriös geworden? Oder das Verhalten der Dinge im Kleinsten und Größten? Wissen wir eigentlich, wovon wir reden, wenn wir sagen, die Welt habe mit dem Urknall vor Milliarden Jahren begonnen? Und wie können wir ein Verständnis dafür gewinnen, dass sich die kleinsten Teilchen der Welt in uferlose, unserem Verständnis kaum oder überhaupt nicht zugängliche Tiefen verlieren? Es gehört zu den paradoxesten Anekdoten, dass die Tür zum Re-Enchantment („Wieder-Verzauberung“) von der Wissenschaft selbst wieder geöffnet wurde oder anders ausgedrückt, dass der intrinsische Zauber der Welt wohl doch eigentlich nicht ganz verschwunden war. Denn wenn wir zu lebendigem Erleben, jenseits vom nüchternen Laborantenblick überhaupt noch fähig sind, werden wir ja nicht umhinkommen, dass unfassbare Wunder in Schönheiten eingewebt zu bestaunen und zu verehren, welches im Kleinsten und im Größten, in den vermeintlich unspektakulärsten Erscheinungen anschaulich ‚da’ ist. Dann erkennen wir, dass in der Ordnung der Welt ein geistiges Prinzip wirksam ist, das uns befähigt, über uns selbst hinauszugehen und mit den augenscheinlich unbelebten aber schönen Dingen der Welt, ob Staubkorn, Schneeflocke oder Sternenhimmel, in Verbindung zu treten und sie zu erkennen.

Unserer Anschauung nach sind diese simplen Erscheinungen der Abglanz von Gottes Schönheit, einer uralten, archetypischen und erhabenen Idee. Für einige von uns ist sie sogar eine erfahrene und gedeutete Wirklichkeit. Zwar lässt sich immer schwieriger ein alltagsliturgisches Verhältnis zu den Dingen unserer Umgebung aufbauen (die verengte Möglichkeit, den Horizont in unseren Großstädten zu sichten, scheint hierfür ein passendes Bild zu geben), aber hin und wieder, in vielleicht den wenigen Momenten jenseits des ‚business as usual’ erahnen und spüren wir das Wirken und Weben, das Einatmen und Ausatmen des Logos. Und dieses Gewahrwerden ist ein maßgebliches Charakteristikum von uns als geistbegabte Wesen. Ein Merkmal, dass der Mythos Schöpfung nennt und das sich der anthropologischen Verkürzung von Menschen auf Biomechanismen widersetzt.