Der Märtyrer

Von Leonard Sezgin-Just

Die Arme hoch zum Himmel,
Augen eingefallen, leer vor Schmerz;
die Brauen eingerunzelt, nimmer
zeigt dies Gesicht hier Tränen mehr.
 
Den Mund noch leicht geöffnet,
doch keine Rede wert mehr dieser Welt,
einzig: letztes Leben auszuschöpfen
mit ferner Miene aufgestellt.
 
Dort erdenwärts ein Weiteres
– nur leiser – ist Weichendem bereit.
Er fällt ins Leere einer Weite,
die seinen Atem weich umgreift.

Entstanden in Betrachtung des Torsos “Suffering (The Martyr)”
von Constantin Meunier, 1887;
(https://www.flickr.com/photos/30171854@N05/15355357072)

Zeitgeist des Influencers – Die Öffentlichkeit als Ersatzgott

Von Hilal und Leonard Sezgin-Just 

Wir alle kennen den beliebten Traum, den gefühlt alle Kinder und Teenager unserer Zeit haben: das Influencer-Dasein. „Mach dein Hobby zum Beruf“ – so lautet der Slogan, und es hört sich durchaus vielversprechend an. Dafür braucht man nichts weiter als einen interessanten und außergewöhnlichen Lifestyle, den man stets zu optimieren versucht, und damit verbunden vor allem Eines: Likes. Likes sind die neue globale Währung, an der man sich messen und orientieren kann. Nicht nur die Popularität und der Erfolg lassen sich anhand der Anzahl von Likes berechnen, sondern auch die eigene Vermarktung. Es geht dabei immer um die Bestätigung von außen. Wir konstituieren uns folglich im Blick der Anderen gemäß dem Motto „Ich bin das, was die anderen sehen.“ Wir versuchen uns in unserer bestmöglichen optimierten Version darzustellen und glauben oft selbst an das Bild von uns, das wir zeichnen.

Das Bedürfnis nach Anerkennung

Forscher haben sogar festgestellt, dass Likes auf Menschen wie ein Rauschmittel wirken können und denselben Bereich im Gehirn aktivieren, der auch durch das Empfinden von Freude an Geld, Sex und Essen angekurbelt wird. Auf den ersten Blick erkennt man, dass das offensichtlich Mittel zur Befriedigung von basalen menschlichen Bedürfnissen sind. Zugleich werden diese Bedürfnisse jedoch von der Like-Kultur zusätzlich befördert, die Triebstruktur rund um die Uhr neu angeheizt. Schon das sollte uns zu denken geben. Mitnichten haben wir in der Onlinewelt alles unter Kontrolle, in vielen Kontexten ist es vielmehr diese, die uns unter Kontrolle hat.

Likes können das natürliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Bestätigung ansprechen und damit verbunden den Bedarf an Zugehörigkeit und Gemeinschaft bedienen. Inwieweit diese Bedürfnisse letztlich wirklich befriedigt werden können, ist damit noch nicht gesagt. Auf jeden Fall vermag jedoch der Anschein einer „Anerkennungsgemeinschaft“ eine gewisse Bedürftigkeit seitens der Like-Empfänger anzusprechen. Nicht ohne Grund ist in sozialen Netzwerken oft von „Community“ die Rede. So ist eine Social-Media-Strategie von Influencern etwa das Community-Building: Der Influencer muss seine Zielgruppe kennen und sein (nach außen hin präsentiertes) Leben nach den Wünschen dieser Zielgruppe ausrichten, Kommentare beantworten und ihnen das Gefühl einer reziproken Freundschaft geben.

Der Trend des Influencertums wirkt durch alle Gesellschaftsgruppen hinweg, und es ist nicht verwunderlich, dass auch wir Muslime als Zeitgenossen davon nicht ausgenommen sind. Mittlerweile hat sich ein regelrechter Typus des muslimischen Influencers entwickelt, die unzähligen Hijabi-Blogger sind inzwischen geradezu legendär. Dem Konsumenten scheint hier beispielhaft präsentiert zu werden, wie es möglich ist, in der heutigen Zeit zugleich religiös und modern zu sein. Auf einmal ist das Kopftuch nicht mehr Symbol einer überholten Frömmigkeit, sondern regelrecht Ausweis eines Lifestyles am Puls der Zeit.

Die Ausstellung des Privaten

Warum aber sind Influencer, ob nun muslimisch oder nichtmuslimisch, so erfolgreich? Was ist ihr Geheimnis? Die Stärke sozialer Netzwerke ist vor allem die theoretische Chance, selbst Teil dieses Lifestyles sein zu können. Die Influencer scheinen Menschen wie wir zu sein – keine Beyoncé, der man nicht das Wasser reichen kann, kein Ronaldo, dessen fußballerisches Können wir nur erträumen können, kein Johnny Depp, dessen Schauspielkunst wir nicht zu erreichen vermögen. Sie scheinen nicht abgehoben und unerreichbar zu sein, sondern nahbar und alltagsecht. Der Lifestyle, den sie zeigen, könnte durchaus unser eigener sein: Reisen als Backpacker, um 6 Uhr aufstehen und ein Buch lesen, mit einer gesunden Porridge-Bowl den Tag beginnen oder einen schicken H&M Pullover erstehen. Sie inspirieren uns mit ihrem Health-Lifestyle und gewähren einen Einblick in ihre Privatsphäre, die uns durch die Innenanschauung unseres eigenen privaten Lebensalltags Vertrautheit suggeriert. Schließlich haben wir alle eine Privatsphäre. Der Kosmos der Influencer ist keine glanzvolle Celebrity-Welt, und gerade deswegen können wir unterbewusst leicht in ihn hineinschlüpfen.

Dies ist auch ein zentraler Aspekt, der uns an Vlogs fasziniert. Wir schauen Menschen bei ihren banalsten Routinebeschäftigungen zu: wie sie ihren Alltag bestreiten, wann sie shoppen und kochen, was sie lesen und anziehen, auf welche Art sie ihre Beziehungen pflegen oder womit sie zur Arbeit fahren. Dies gibt uns nicht nur ein seltsames Gefühl von Befriedigung und Unterhaltung – schließlich pflegen wir all diese Dinge für gewöhnlich auch zu tun oder könnten es theoretisch –, sondern auch ein Gefühl der Macht über deren heilige Privatsphäre. Und als heilig galt der private Bereich bis vor kurzem ja tatsächlich den meisten Kulturen der Welt. Nicht zuletzt in unserer muslimischen Weltsicht spielt die Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Sphäre eine bedeutende Rolle, ganz praktisch, was etwa Kleidungsvorschriften betrifft, aber auch spirituell-metaphysisch in Hinblick auf den zyklischen Wechsel zwischen kontemplativem Rückzug und aktiver Tätigkeit in der Welt. Die zeitgenössische Ausstellung des Privaten in der Welt der Influencer führt nun dazu, dass wir der Meinung sind, alles kommentieren und beurteilen zu dürfen, weil wir eine Art Zuständigkeit über diese Privatsphäre beanspruchen, gemäß dem Motto „Wenn du mich daran teilhaben lässt, musst du auch mit meiner Meinung rechnen“. Aber steht uns das überhaupt zu? Und steht es uns gut an? Ferner: Als Zuschauer können wir uns mit den transparent gemachten Menschen identifizieren oder uns abgrenzen, uns vergleichen, weil sie vergleichbar wirken. Aber tut uns der Vergleich in dieser Dimension spirituell gut? Es könnte sein, dass wir uns am Ende, auch wenn wir sie nicht sozialmedial ausstellen, in unserer eigenen Privatsphäre, in der heimischen Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit von der ganzen Welt beobachtet fühlen. Schlicht, weil wir sie im Vergleich mit allen anderen gedanklich entblößen. Wir fühlen uns gesehen, und zwar nicht etwa von Gott, sondern vom imaginierten Panoptikum der amorphen Öffentlichkeit.

Die ökonomische Vergleichbarmachung aller Lebensbereiche

In seinem Buch „Das metrische Wir“ beschreibt der Soziologe Steffen Mau, dass das Sich-mit-anderen-Vergleichen etwas Natürliches ist, obschon wir uns nur mit denjenigen vergleichen, die einen ähnlichen Lifestyle haben wie wir. Kein gewöhnlicher Student würde auf die Idee kommen, sich mit einem Hawking zu vergleichen, wohl aber mit einem anderen Studenten, der ähnliche Interessen hat und in vergleichbaren Lebensverhältnissen steht, also mit einem, der theoretisch auch „ich“ hätte sein können. Übertragen auf die Welt der Influencer bedeutet das: Wir vergleichen uns mit Influencern, weil wir uns stärker mit ihnen identifizieren können. Die kapitalistische Werbeindustrie hat das Potential dieses Marktes erkannt und für sich zu nutzen gelernt: Mehr Likes bedeuten mehr Einfluss, mehr Einfluss bedeutet mehr potentielle Kunden und damit verbunden mehr Geld. Obwohl wir alle diesen Kreislauf kennen, unterstützen wir ihn, weil wir uns für die Influencer, mit denen wir uns identifizieren und die wir liebgewonnen haben, freuen und sie auf ihrem Weg begleiten möchten.

Einfalt in Vielfalt

Ein weiterer bedenkenswerter Aspekt ist die Tatsache, dass sich der Beruf des Influencers gerade im individualistischen Zeitalter der (Post-)Modernisierung und des damit verbundenen Übergangs von der Fremd- zur Selbstbestimmung etablieren konnte. Auf den ersten Blick erscheint es logisch: Jeder Influencer stellt seinen eigenen, individuellen Lifestyle aus, und je exklusiver ein Profil ist, desto mehr Aufmerksamkeit kann generiert werden. Wenn wir uns allerdings diese Welt der Youtuber und Instagrammer anschauen, sehen wir keinen Pluralismus in den Lifestyles, sondern uniforme Lebensgewohnheiten, die sich in ähnlichen Produkten, Verhaltensweisen und Trends wiederspiegeln. Wie jede Kultur, so bringt auch die der Influencer notwendig ihre kollektiven Normen und Gewohnheiten hervor – eine Einsicht, die die muslimische Gelehrsamkeit schon seit Jahrhunderten unter den Begriffen ʿurf (Sitte)  und ʿāda (Gewohnheit) verhandelt. Die wenigsten Menschen können jenseits einer milieuspezifischen kulturellen Einfärbung leben. Nicht erst auf Instagram ist unikale Individualität eine weitgehende Illusion. Am Ende streben doch wieder alle einem gemeinsamen Mittelmaß zu. Die vermeintliche Individualität und Selbstbestimmung der Influencer, die diese in ihren persönlichen Lifestyles ausdrücken wollen, ist denn auch in Wahrheit meist vor allem bestimmt von Sponsoren (etwa in dem gezielten Platzieren von bestimmten Produkten oder der Dokumentierung gesponserter Reisen). In ihrer Heterogenität sind die Lebensentwürfe also letztlich gleich und zirkulieren um dieselben Trends. Die sozialen Medien sind gefüllt mit Profilen, die sich krampfhaft voneinander abheben wollen, dabei jedoch letztlich nichts Anderes tun, als gleichförmig nach Anerkennung in Form von quantifizierten Likes zu streben.

Dabei appelliert die große Mehrheit der Influencer an unsere einfachsten, oberflächlichsten menschlichen Triebe: Freizügigkeit, Sex, Klamotten, Essen und Körper. Mit dramatischen Videotiteln wird versucht, mehr Klicks zu generieren, um sich besser vermarkten zu können. Als Influencer verkauft man nicht nur seine Privatsphäre, sondern auch ein Stückweit seine Seele, da man primär nach den Wünschen der Zielgruppe und letztlich des Marktes lebt und stets um Bestätigung und Anerkennung kämpft: Gleich einem ferngesteuerten Roboter, der Befehle aus einem komplexen Computerprogramm erhält.

Die Öffentlichkeit wird zum Ersatzgott

Der postmoderne Mensch hat es verlernt, allein und er selbst zu sein. Beides kann man letztlich nicht in der Masse – so gern wir uns das heutzutage einzureden wünschen –, also nicht in der breiten, fremden Öffentlichkeit, sondern lediglich in der Begegnung mit sich selbst. Es ist das uns Menschen qua Schöpfung eingeschriebene Prinzip der Einheit, des „in-dividuum“-Seins, welches allein uns wirklich zu uns selbst kommen lässt und sich letzten Endes in der Einheit Gottes, at-tauhid, widerspiegelt. Gerade der private, abgeschiedene Bereich führt uns für gewöhnlich in diese Konfrontation mit dem eigenen Selbst und zu einer produktiven Bedrängnis hinsichtlich der eigenen existenziellen Selbstvergewisserung. Just dieser Bereich, der früher für einen selbst und den engsten Familienkreis reserviert war – etwa, wenn man morgens allein vor dem Spiegel steht, sich abends die Zähne putzt oder verträumt im Schlafzimmer dasitzt – wird ausgestellt und in einem Prozess der öffentlichkeitswirksamen Selbstdarstellung zum Zwecke der Lifestylevermarktung in Szene gesetzt.

Da die Öffentlichkeit auf diese Art mittlerweile allgegenwärtig geworden ist und einem rund um die Uhr über die Schulter schaut, wird sie zu einer Art Ersatzselbst bzw. Ersatzgott. Man ersucht das, was eigentlich nur die Einheit geben kann, vom dem, was qua Definition Vielheit ist. Man begibt sich in ein Abhängigkeitsverhältnis und bindet die eigene Selbstvergewisserung an die Instanz der Öffentlichkeit, da man selbst nicht souverän genug ist, um ein eigenes Subjekt im Angesichte Gottes zu sein. Da die Öffentlichkeit durch ihre vermeintliche Objektivität den Anschein erweckt, über diese Souveränität verfügen zu können, nimmt sie letztlich einen Götzencharakter an. 

Die Auswirkungen auf den heutigen Gläubigen

Die Welt der Influencer ist noch recht jung, sodass wir die Auswirkungen auf uns als sich religiös bekennende Menschen noch nicht vollkommen einschätzen können. Tatsache ist: Viele Menschen leiden heute unter einer enormen Unsicherheit, weshalb sie notorisch nach Möglichkeiten der Selbstvergewisserung suchen. Man braucht eine Bestätigungsinstanz, um nicht in der unterbestimmten Subjektivität der Postmoderne unterzugehen. In der weiteren Öffentlichkeit bzw. in der eigenen Followerschaft findet der Influencer eine Instanz der Vergewisserung. Früher waren diese Bestätigungsinstanzen oft in der Religion oder in der Familie verortet; man könnte im Freudschen Sinne sagen: in der sublimierten Vaterfigur. Es gab jedenfalls eine Instanz, die für den Heranwachsenden Selbstbestätigung und Weltbestätigung ermöglichte. Ein Surrogat für all das findet der moderne Influencer nun in der Öffentlichkeit, die ihm als amorphe Masse in Form von Likes Bestätigung gewährt.

Seit der Aufklärung hat sich im Westen ein hegemoniales Ideal säkular-moderner Selbstbestimmung herausbilden und bewähren können, das jedoch von Anfang an mit inneren Widersprüchen belastet war. Letztlich erstreben auch wir als Muslime Selbstbestimmung, doch es ist für uns axiomatisch, dass säkulare Selbstbestimmung letztlich nicht möglich ist. In unserer metaphysischen Grundanschauung erfährt jedes geschaffene Ding seine Bestimmung durch den Schöpfer, uns nicht ausgenommen. Der Weg des Islam ist die sukzessive Überführung der Selbstbestimmung durch Weltliches hin zur Selbstbestimmung durch Gott.

Aber, nochmals: Wir als muslimische Zeitgenossen sind vor den Auswirkungen unserer Zeit nicht gefeit. Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, ein Teil dessen und damit nicht davor geschützt, unseren Körper und Lebensstil dem Trend gemäß optimieren und darstellen zu wollen, um bestätigt und anerkannt zu werden. Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, welche Auswirkungen, wenn auch indirekt, all das auf unser Seelenleben hat. Wir sind mehr als das, was wir von uns zeigen; das dürfen wir nie vergessen.

Es gibt kein Draußen

Von Leonard Sezgin-Just

Sie sagen Gott ist nicht
Und verstehen nicht wovon ich rede
Und wundern sich im Stillen,
Wie ich in einem morschen Hause wohnen kann.
Ist es nicht eine Ruine?
Mit „Bet!“ und „Fast!“ und „Gott ist groß!“,
Im Ton der Väter der Semiten,
Deren Bärte schütter sind.
Doch wer nie in diesem Haus gelebt,
Und wohnt in unbehausten Weiten,
Kann nicht verstehen, dass für mich
Das Haus die Welt ist.
Es gibt kein Draußen.
Nicht im Haus sein hieße nicht sein,
Meine Wände heißen Norden, Süden,
Osten, Westen: Richtungen der Wirklichkeit.
Wo nichts wirklicher als Gott,
Ist die Wohnstatt in seinem Haus
Das allerwahrste Sein.
Und ging ich raus hörte ich auf.

Auf verlorenem Posten

von Leonard Sezgin-Just

Ein fiktives Gespräch in den Fachschaftsräumen eines geisteswissenschaftlichen Universitätsinstituts

Du bist also religiös? 

– Ja, kann man so sagen. Mir ist der Bezug zu dem Größeren, das mich umfasst, wichtig. Ohne könnte ich nicht leben. 

Aber wie kommt es dazu? Deine Eltern sind wahrscheinlich gläubig, und du möchtest diese Tradition fortführen. Das kann ich verstehen, schließlich möchte man wissen, wo man herkommt. 

– Nein, nichts dergleichen. Mein Glaube ist komplett eigenständig gewählt, manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich dabei eher mit meiner familiären Tradition breche.

Okay, krass. Naja, manche Menschen sind halt religiös musikalisch gestimmt. Ist ja auch okay, wir haben ja alle unsere speziellen Bedürfnisse. Ich kann mir mein Leben auch nicht ohne Musik vorstellen. Wenn ich im Club bin, kann das manchmal schon ziemlich übernatürlich werden. Irgendwie ist das ja auch quasi ein religiöses Bedürfnis (lacht…). 

– Siehst du, wir haben dieses Bedürfnis, über uns selbst hinaus zu gehen. Ich glaube, dass jeder Mensch diese religiöse Musikalität in sich trägt… Aber natürlich muss jeder selbst wissen, was er will. Ich bin nur überzeugt, dass die Religion große Wahrheiten birgt und jedem Menschen etwas zu sagen hat.

Aber die traditionellen Religionen… Da kann ich echt nichts mit anfangen, das sind doch alles irgendwelche ideologischen Systeme, die sich Menschen vor Jahrhunderten ausgedacht haben, um sich ein Reim auf ihr Leben zu machen. Ich meine, klar, auch das ist irgendwie legitim. Aber in der Zwischenzeit sind wir doch weitergekommen als Menschheit, mittlerweile sollte man doch alles selbst hinterfragen können und nicht einfach vorgefertigte Sachen übernehmen. 

– Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Religion von Menschen erfunden wurde. 

Hat Gott etwa höchstpersönlich die Heiligen Schriften vorbeigebracht, und hat sich dann wieder aus dem Staub gemacht? (lacht…) 

– Also… Ich persönlich glaube, dass Gott sich bestimmten Menschen über so eine Art, naja, Inspiration mitteilt. Um uns zu sich zu rufen, um uns einen Weg zu ihm zu weisen. 

Ich weiß nicht. Wenn ich gutes Zeug rauche, krieg ich auch manchmal Inspirationen von oben… (lacht…) Aber sei’s drum. Ich finde es nur schwierig, wenn man mit seinen Offenbarungsschriften politische Unterdrückung und Gewalt rechtfertigt, weißt du? Die Religionen haben einfach in der Geschichte so viel Übel angerichtet.

– Aber wurden nicht gerade im letzten Jahrhundert die größten Menschheitsverbrechen von denjenigen Bewegungen begangen, die der Religion gänzlich abgeschworen hatten? Ich denke, man macht es sich zu einfach, wenn man alle Schuld nur auf die Religionen abwälzt. Die Menschen haben immer auch die Religion missbraucht für ihre eigenen Machtinteressen, aber das war dann eher der Mantel, in den sie ihre eigenen niederen Motive geschlagen haben. Man darf die Religion selbst nicht für ihre Instrumentalisierung verantwortlich machen! 

Gut, kann man so sagen. Ich persönlich bin ja gegen Form von Ideologie, dann haben wir auch nicht das Problem, dass Menschen sie missbrauchen können. Einfach frei denken, den anderen respektieren, keine Vorurteile haben. Wir müssen in der heutigen Zeit echt schauen, dass wir was gegen Schubladendenken und vorgefertigte Meinungen tun. Das ist doch die Wurzel allen Übels. Ich kann es gar nicht ab, wenn mir jemand mit Sexismus oder Homophobie oder Rassismus oder sonst irgendwelchen autoritären Vorstellungen von vorgestern kommt. Boah, da krieg ich echt das Kotzen. 

– Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen und ethnischen Minderheiten ist wirklich ein Problem, das sehe ich auch so. Da müssen wir was tun. Ich glaube, dass die Religion da durchaus ein emanzipatives Potential hat, die Menschen aufzuwecken und zu mehr Gerechtigkeit zu ermahnen. 

Denkst du wirklich? Ich sehe da nicht so viele Beispiele. 

– Doch, wirklich. Religion ermöglicht Solidarität, echte Solidarität. Weil die Bindung an eine höhere Macht einen aus seiner Selbstbezogenheit befreit, in der wir heute alle stecken. Heutzutage lebt jeder verschanzt in seinen Scheuklappen, arbeitet, um zu konsumieren und konsumiert, um zu arbeiten. Dabei schauen wir mit Argwohn auf unseren Nächsten, der entweder mehr hat als wir, dann beneiden wir ihn und wünschen uns, irgendwann auch so zu werden; oder wir sehen den, der weniger hat, dann sind wir heilfroh, nicht in seiner Haut zu stecken, und meiden jeden weiteren Kontakt. Ich sag dir ganz ehrlich, das ist die Wurzel von ganz vielen Übeln in der modernen Welt. Die Menschen sind in ihrem eigenen Herzen Gefangene. Nehmen wir zum Beispiel Rassismus, da steckt so viel Hochmut und Niedertracht und Kleingeistigkeit dahinter, kurz: Seelenkrankheit. Wenn die Menschen religiöser würden und dann die Ideale der Religion auch wirklich ernst nähmen, könnten sie so nicht weitermachen. Die Leute denken immer, die Religionslosigkeit, die Säkularität wäre neutral und hätte irgendwie eine weiße Weste. Das ist halt echt ein Irrtum. Säkularismus oder Laizismus, oder wie man es nennen mag, ist ebenso eine Ideologie wie alles andere, nur, dass in diesem Fall der Mensch nicht zum Guten getrieben wird, sondern zum Niederen, zur Selbstbezogenheit, Engherzigkeit und Gier. Vor allem zur Gier: Den Kult des Materialismus konnte der Kapitalismus in die Herzen der Menschen nur einpflanzen, weil sich zuvor die Religionen aus diesen zurückgezogen hatte… 

Das klingt ja alles wirklich spannend, ich bin da voll auf deiner Seite, wenn es um die Kritik am Materialismus und Egoismus geht. Wir Menschen in der heutigen Welt werden von dem System um uns herum abgerichtet, wir können uns daneben fast gar nichts mehr vorstellen. Hab da letztens bei Foucault spannende Sachen drüber gelesen, der analysiert das echt gut. Aber was willst du sonst machen, willst du etwa den Säkularismus abschaffen? Das hat sich gerade fast so angehört, ziemlich radikal, Mann. Am Ende landen wir bei Verhältnissen wie im Iran oder in Saudi-Arabien oder wie im Mittelalter. Da habe ich nun wirklich auch keine Lust drauf, dafür ist mir meine Freiheit, die ich hier genieße, zu viel wert. 

– Davon habe ich nie gesprochen. 

Naja, belassen wir’s dabei. Ich kann dich mit deinem Religionszeug zwar nicht verstehen, aber zumindest bist du nicht so wie diese frommen Vollidioten, die anderen ihren Glauben aufzwingen wollen. Dann ist es ja auch voll okay religiös zu sein, kann ja jeder selbst entscheiden. 

– ... 

Nachwort aus der Regie:

Wir, die religiös Bekennenden, stehen im universitären Kontext, vor allem in den Fächern der Humanities, auf verlorenem Posten. Man versucht seine Religiosität nach Möglichkeit zu verbergen, und da, wo es nicht mehr möglich ist, gerät man schnell in einen Rechtfertigungszwang, eine apologetische Mentalität, die sich über die Zeit auch im eigenen Kopf einnistet. In die argumentative Rolle des Glaubensmenschen verwiesen tanzt man als verfemter Teufel der säkularen Wissensordnung auf den glühenden Kohlen der spöttelnden Religionskritik einen Eiertanz um die eigene Achse. Wenn uns dabei irgendwann schwindelig werden sollte, müssten wir überlegen, ob es nicht ratsam wäre, im Tanze kurz innezuhalten und uns zu fragen, vor welchem Publikum eigentlich wir dieses Kunststück aufführen.

Klopfen

von Leonard Sezgin-Just

Verwaistes Schweigen,
totgeschwiegen,
weiß wie aus dem Traum.
Bleichen Steinen,
feinzerrieben,
schließt sich rings der Raum.

Unvermittelt pochend,
Nachbars Klopfen;
unverbindlich unabweisbar
unerfindlich stockend:
Klopfen, Klopfen –
Worte von dem Meister.